Warum spricht mein Vater nicht mit mir?





Unter Berücksichtigung der der Hauptfrage immanenten Nebenfragen: Was macht die Sphinx in Pontresina? Kann mich irgendjemand hören, wenn ich schreie und die Engel sich die Ohren zuhalten?

Die Sphinx von Pontresina antwortet:

Kreisen wir den Mann ein. Dieser Mann ist ein Vater und spricht nicht mit seinem Kind, nicht, weil das Kind nicht mit ihm spricht, sondern obwohl das Kind mit ihm sprechen will, sonst fragte es nicht.
Kreisen wir die Frage ein, scheint sie den Wunsch zu äussern: «Sprich mit mir». Ist der Wunsch des Kindes dem Vater nicht deutlich mitgeteilt worden?

Gibt es eine Aussicht auf Durchhieb durch den dichten Wald für Vater und Kind? Einen Durchhieb, wie es ihn im Film «Wie in einem Spiegel» bei Ingmar Bergman gibt?

«Papa sprach mit mir», so endet der Film mit den letzten vier Worten des Sohnes, nachdem die Schwester für den Bruder durch die Tapete in den Wahnsinn ging, indem sie Gott mit einer blauäugigen, in sie eindringenden Spinne identifizierte. Gott sei die Liebe, jede Form von Liebe, und also auch die Schwester von Gott umgeben und ausser Gefahr, trotz Helikopterambulanz und Abtransport, so sprach der Vater.

Sprechen. Kreisen wir das Wort ein. Spraka: Norwegisch schwedisch: knistern, knacken, prasseln und isländisch krachen. Fragen wir: Wie kommt der Wunsch zum Vater?

Es könnte eine dritte Person dem Vater den Wunsch des Kindes sagen, mit dem Wunsch, dieser möge den Wunsch hören, sogar erfüllen oder mit dem gegenteiligen Wunsch, der Vater möge den Wunsch des Kindes nicht hören und erst recht nicht erfüllen. Gleichgültigkeit dieser dritten Person der Vater-Kind-Sache gegenüber ist auszuschliessen. Dritte sind von Haus aus gefährlich. Das weiss jedes Kind.

Kreisen wir das Dritte ein. Zunächst: Würde das Kind die Frage dem Vater stellen? Würde das Kind die Aufforderung, die Frage dem Vater zu stellen, stellen zu lassen, als Zumutung, genauer, als Kränkung empfinden? Verstünde es sich nicht von selbst, dass, wenn ein Vater mit seinem Kind spricht und dies als Antwort täte, auf Grund einer Aufforderung, einer Bitte, eines Befehls, dass dies kein Sprechen im Sinne des beklagten Ausbleibens dieses Sprechens sein kann, sondern antworten, wie jeder jemandem antworten kann?

Sprechen ist antworten, immer, den anderen hören, ob er spricht oder nicht, und so liegt enttäuschend wenig Grund zum Kummer vor, wenn der Vater, wie das Kind sagt: nicht von selber spricht.

Das Kind hat Kummer, weil es, wenn es fragte oder fragen liesse, die Möglichkeit der väterlichen Ansprache auf ewig verspielt, genauer: verfragt, sich, da es fragte, auf Grund seiner Frage verdammt sieht.

Will das Kind keine Antwort, in keinem Sinne, sondern die nackte, nicht provozierte Ansprache, weil es das Kind ist, das diese Frage vorher niemals gedacht haben will, dann sitzt es in der Falle, ausser es stellt sich eine andere Frage.

Es fragt sich, ist jemand, der mit seinem Kind nicht spricht, sein Vater? Warum will ich, dass der, der nicht mit mir spricht, mein Vater ist? Habe ich keinen anderen? Was für eine Antwort. Was für ein Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, der väterlichen Umarmung, die erst im Wald geortet werden muss - nach Vogefängersitte aus drei Pferdehaaren zu einem Bügel gebunden - damit sie durchschnitten und der Wald durchschritten werden kann.

Warum will ein Kind, das gezeugt worden ist und alt genug, diese Frage zu stellen, einen Vater, der nicht mit ihm spricht? Warum verspricht sich das Kind von einem Sprechen mit dem Vater soviel, als fände es sonst das Licht nicht?

Das Kind fragt nicht, um den Vater zu verstehen und ihn deshalb in Ruhe zu lassen, oder um sich zu verstehen und den Wunsch ruhen zu lassen, im Gegenteil, es will Unruhe. Es ist in grosser Unruhe. Es scheint gar gefangen. Es kommt nicht vor und es kommt nicht zurück und es will diese Ohnmacht nicht geniessen. Es fragt, damit sich etwas Drittes Lösungen ausdenkt, sich dazwischenschiebt, ein Messer einschmuggelt, eine Botschaft ins Kassiber drückt, zum Lachen reizt, eine Geschichte erzählt, irgendwas, was die Sache, und sei es um Haaresbreite, ablenkt, verrückt, sie kippt, die Frage knackt, denn die Frage entmächtigt die Antwort wie das Kind den Vater, was sie fest zusammen zwingt und zurrt, dass die Stricke ins Fleisch gehen und Blut zu lecken ist, was tröstet und wild macht und blind.

Es ist in dieser Sache überhaupt nichts zu machen. Selbst wenn der Waldweg schrie. Selbst wenn die Zweige Zeichen auf den Boden schrieben und die Äste dem Kind den Vater in die Arme trieben und säng ein Wiegenlied der Wind Vater und Kind.

Und kidnappt das Kind gar den Vater, fesselt ihn auf einen Stuhl und spricht und zwingt ihn, ihm Satz für Satz nachzusprechen, die nachgesprochenen Sätze auszulegen, es zu verstehen, dies mit Beweisen zu belegen, Satz für Satz, sein Verstehen, und dann zu sprechen, aus seinem gekidnappten Vaterleib raus, tief unten im Keller, ohne Wasser, ohne Brot, das Kind würde nie wirklich wissen, ob der Vater nicht doch eine Möglichkeit kennt, das Hören auszuschliessen und trotzdem die Sätze nachzusagen, vorzugeben, sie zu verstehen, und selbst welche zu bilden in Richtung Kind, sich komplett zu erfinden als Vater, der mit seinem Kind spricht, um sein Leben zu retten.

Jeder so abgetrotzte Satz des Vaters sagte nur eines «ich will hier raus». Angenommen, dies ist der Satz des Vaters an das Kind, wie könnte er ihn sagen? Ihn sagen hiesse, das Gegenteil des Satzes tun, hineingehn, zum Kind, und ihm sagen: «Hör mal Kind, ich will nicht zu dir hineingehen und wissen, wer du bist und was du willst, und dir erlauben, in mich hineinzugehen, das wollte ich dir nur sagen.»

Und das ist noch nicht alles, was unmöglich ist. Ginge der Vater zum Kind, dann ginge er in die Mutter, zumindest ginge er, wenn er zum Kind geht, auch dahin, dass er in die Mutter ging.

Kreisen wir den Satz ein. Der Satz: «Ich will hier raus» hiesse genauer: «ich will hier nicht rein», «ich will nicht in deine Mutter hineingegangen sein».

Es stellt sich die Frage nach dem Tod des Vaters, wann tritt er ein? Gibt es einen Ersatz?

Ist die Frage des Kindes eine Klage nach Schönheit? Ist die Frage: Warum verwandelt sich der Schmerz wegen Ausbleiben des Sprechens nicht in etwas Schöneres als das Sprechen des Vaters?