Tobias Döring

Bitte um ein wenig Leben
Die Gender-Forschung kennt sie schon länger; aber Hilda Doolittle, die sich H.D. nannte und mit D.H. Lawrence befreundet war, ist als große, verwirrende Erzählerin erst noch zu entdecken.


Ihr Leben hatte etwas Phönixhaftes, ein unentwegtes Stirb und Werde, als ob ihr nur die andauernde Krise überhaupt die Kraft zum Weitermachen und Kreativität zum Schreiben gäbe. Wie jener mythische Vogel sich ins Feuer stürzen muss, um aus der Asche immer wieder verjüngt aufzusteigen, so rückhaltlos durchbrach diese Autorin das einsinnige Ordnungsmuster einer Alltagswelt, die zu viel Mögliches, Existentielles und Wahrhaftiges durch Kleinteiligkeit unterbinden will. Denn auf ein Einziges war Hilda Doolittle, die sich als Schriftstellerin H.D. nannte, nie festzulegen; ihr galt das Vielsinnige, Vielstimmige und Vielgestaltige stets als Lebens- wie als Schaffensziel.

Der deutsche Titel Madrigal, unter dem ihr autobiographischer Roman erscheint, ist gut gewählt, weil er sogleich das Polyphone ihrer Prosa hörbar macht. Im Original heißt er «Bid me to live» und zitiert im Titel einen Lyriker des siebzehnten Jahrhunderts, der sich mit dieser Lebensbitte ganz dem Willen der Geliebten unterstellt. Aus solcher Unbedingtheit, in der Liebe wie im Leben und im Schreiben alle Möglichkeiten auszukosten und dafür alles zu riskieren, auch den Flammentod, gewinnt ihr Werk vibrierende Energie.

Vielleicht war es die Leitfigur des Phönix, die H.D. 1917 mit dem Autor D.H. Lawrence zusammenbrachte, einem anderen großen Außenseiter der Moderne, mit dem sie bald eine innig rivalisierende, erotisch aufgeladene und dennoch, wie es heißt, sexuell enthaltsame Freundschaft verband. Vielleicht aber war es auch die Alchemie der Buchstaben oder einfach das gemeinsame puritanische Erbe, das sie anzog, um im anderen eine Spiegelung des eigenen auszumachen und sich auf diese Weise wechselseitig zu verrätseln: «Sie begriff seltsam gleichgültig, dass er wirklich berührt war. Zärtlichkeit. Das war es, nicht Flamme und glühende Leidenschaft, nicht der dunkle Gott, von dem er immer sprach. Und wenn doch ein dunkler Gott, dann ein wahrhaft dunkler, Dis, der Gott der Unterwelt; die weißen Hyazinthen waren Totenblumen; er hatte sie Persephone genannt.» Mit derart dunklen Worten und mythologisch aufgeladenen Bildern erzählt der Roman von dieser seltsamen Beziehung. Sie wird zur krisenhaften Auferstehungsfeier inmitten einer kriegszerstörten Katastrophenwelt.

Bloomsbury unter Beschuss, Bombensplitter auf den Straßen, Schlachtgedröhn und Militärmusik: London ist die Metropole der Moderne, doch in den Lichtspielhäusern vom Leicester Square, den Tempeln dieser neuen Zeit, ist das Publikum vor allem khakifarben und trägt den Arm in einer weißen Schlinge. Die Soldaten sind auf Heimaturlaub, unter ihnen die literarische Avantgarde; doch kaum einem gelingt es hier, das Grauen aus den Gräben an der Front vorübergehend zu vergessen. Auch Rafe Ashton ist, als er zur jungen Ehefrau Julia zurückkehrt, weiter heimatlos und nimmt sich erst einmal eine Geliebte. Julia aber, selbst traumatisiert von einer Fehlgeburt, muss unter der Mansarde wohnen, wo er sein neues Liebesnest einrichtet. Sie fühlt sich jetzt zu Rico hingezogen, einem tuberkulosekranken, schwächelnden Erzähler, der gern orgiastische Männlichkeitsphantasien entwirft, strotzend vor Sex und Kraft, was sie befremdet und zugleich berührt. Als neuen Liebhaber jedoch sucht sie sich Vane und zieht mit ihm nach Cornwall. Dort findet Julia in einem langem Brief an Rico eine Stimme, um endlich ihre Version und Vision der Geschichte aufzuschreiben.

So ließe sich das Szenario der Weltkriegsboheme, die hier das Zentrum bildet, wiedergeben. Es bildet das Skelett zu einem faszinierenden, streckenweise kalkuliert verwirrenden Schlüsselroman, mit dem H.D. knapp fünfzehn Jahre später daranging, ihre künstlerischen Anfänge und ersten großen Krisen zu verarbeiten. 1886 in Pennsylvania geboren, war sie 1911 Ezra Pound, ihrem heimlichen Verlobten aus Schulzeiten, nach London gefolgt. Der verschaffte ihr Publikationsorgane für ihre Gedichte und rief auch noch ein neues literarisches Programm, den «Imagismus», aus. Er hielt H.D. davon ab, der lesbischen Freundin Frances Gregg, mit der sie nach London gekommen war, in die Flitterwochen nachzureisen. Stattdessen heiratete H.D. 1913 den Lyriker Richard Aldington, der sie im Krieg verließ und in eine ungestüme Liebe zum Maler Cecil Grey, den sie durch D.H. Lawrence kennengelernt hatte, trieb. Von Grey stammt 1919 das einzig überlebende Kind, eine Tochter, die sie, nach ihrer ersten Frauenliebe sowie einer verlorenen Shakespeare-Figur, Frances Perdita nannte. Aus der schweren Krankheit und Lebenskrise, in die H.D. zu dieser Zeit verfiel, rettete sie eine reiche Erbin und Autorin namens Bryher, die ihr fortan Gefährtin und, trotz beiderseitig weiterer Beziehungen und Ehen, die Geliebte bleiben sollte.

Der Roman «Bid me to live», erstmals 1960, im Jahr vor ihrem Tod, erschienen, formuliert also ein Programm, das auch am eigenen Leib durchlebt wurde: Erzählen als Therapie. Die beginnende Arbeit am Roman fällt Mitte der dreißiger Jahre zusammen mit der Analyse bei Freud, zu dem H.D. durch Vermittlung von Freunden wie Hans Sachs und Havelock Ellis Zugang findet. Freud diagnostiziert Bisexualität und rät ihr, um eine Schreibblockade zu überwinden, alles Erlebte in sprachliche Ordnung bringen. Doch Linearität ist das Letzte, was H.D. interessiert. Bei aller Klarheit und Scharfkantigkeit ihrer Gedichte, die häufig wie aus Quarz gemeißelt wirken, sucht ihre Sprache dennoch den Durchbruch zum Elementaren, Fremden und Archaischen, dem sie sich ganz ausliefert, um alle Figuren und Ereignisse, von denen sie erzählt, auf wundersame Weise in entlegene Sphären, griechische oder okkulte, zu entrücken. Das macht es Lesern, die es übersichtlich schätzen, nicht einfach, doch die Mühe, einen Zugang zu ihren Erzählwelten zu finden, lohnt.

Obwohl H.D. seit den achtziger Jahren insbesondere von der Gender-Forschung viel beachtet und zu Recht gefeiert wurde, bleibt vieles noch zu erschließen. In diesem Jahr ist «The Sword Went out to Sea», ein fragmentarischer Traumtext, den sie als ihr erzählerisches Hauptwerk ansah, überhaupt erstmals erschienen. So kommt die deutschsprachige Erkundung dieser großartigen Autorin der Moderne zur rechten Zeit und ist unbedingt begrüßenswert. Der Publikation von «Madrigal» in Anja Lazarowiczs feinfühliger Übersetzung ist 2006 bereits «Heimliche Deutung» vorausgegangen, ein später Zyklus von Liebesgedichten, den Ulrike Draesner übertragen hat. Für kommenden Herbst ist «Tribut an Freud» angekündigt, mit dem H.D. ihre Erfahrungen der Psychoanalyse literarisch umgestaltet hat.

Von Julia, dem Alter Ego der Autorin, heißt es in «Madrigal»: «Sie war eine Seherin, Hellseherin. Sie fühlte sich zu Hause in diesem Land der subtilen Anspielungen, so wie sie sich in Büchern zu Hause fühlte.» Wer sich als Leser zu H.D. in dieses Land der Hellsichtigen vorwagt, wird viele andere Bücher bald nur noch wie ein Exil empfinden.

(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. September 2008)


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