Gedenkseite für Thomas Schestag




Susan Bernstein

Dear Brown Community


The philological and literary communities in Europe and the US are deeply saddened by the loss. Schestag, educated in the fields of Comparative Literature and philosophy in Berlin, Zurich, Strasbourg and Paris, was a singular presence in the Department of German Studies at Brown, which he joined in 2014. He worked intensively with both graduate and undergraduate students, who joined him in his relentless attention to linguistic and textual details and specificities with philosophical, ethical and political ramifications. A prolific scholar and translator and a devoted violinist, Thomas worked across national borders and introduced many writers - both scholars and poets — from the German- and French- speaking worlds to the Brown community.

Thomas Schestag was born in Freiburg mm Breisgau, Germany. Recognized early on by the German Academic Exchange Service (DAAD), Schestag began his teaching career at the Lajos-Kossuth-University, Debrecen, Hungary, where he lived for five years before moving to the Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main; there he completed his Habilitation in 2003. He was invited to teach at a wide range of German and US universities, including Munich, Bonn and Bochum and, in the US, the Johns Hopkins University, Northwestern, NYU, and the University of Virginia, all of which have outstanding German Studies departments. His international reach extended to Japan, Romania and France. He was awarded the Berlin Prize and was the John P. Birkelund Fellow in the Humanities at The American Academy in Berlin in 2013, and was honored many times with grants from the DAAD and Brown to support his research and translation projects. His writing addresses a broad range of philological issues, often thematizing insects, animals and the environment in a network remarkably prescient of future developments in ecocriticism. Thomas Schestag is the author of 11 monographs, including most recently philia (2024), entlaubt, erlaubt (2021), and Namenlose (2020), as well as countless book chapters and journal articles. Among his many editions and translations, his edition of Francis Ponge, Die Sonne [Le Soleil] (a facsimile-edition of an unpublished dossier by Francis Ponge, including transcriptions, translations, a philological commentary and a German translation of Francis Ponge, Le Soleil placé en abîme), a tome of over 800 pages, stands out as a massive contribution to European letters. Another major project, a translation of Hugh Raffles' The Book of Unconformities, has just appeared in August 2026 with the German publisher Matthes & Seitz. Schestag also translated our local Rhode Island poet, Rosmarie Waldrop (who also hails from Germany) from English to German, creating multiple linguistic passageways back and forth in their Hölderlin Hybrids/Hölderlin Hybride.

Thomas Schestag worked ceaselessly to open language and letters to students, colleagues and readers of all stripes. He was a unique thinker whose work is deeply engaged with language, consistently concerned with the way words and names «rip apart semantic coherence.» Schestag investigates word resemblances and word parts to show how texts function beyond the semantic to offer up at times conflicting and non-totalizing interpretations. This deeply philological practice, working with dictionaries and etymologies, is both analytic and generative; and indeed, sometimes Schestag's work resembles more literature than criticism. His work on insects (for example, the figure of the praying mantis in Mantisrelikte and other works) and flowers (Ponge) intersects with the field of environmental humanities in an unexpected way. Reading Schestag is its own experience to which paraphrase and description cannot do justice.

Thomas Schestag was a warm and devoted teacher, mentor, colleague and friend. He will be sorely missed by the many whose lives were touched, and left the better for it, by his wisdom, generosity, and good cheer. We extend our deepest sympathies to Thomas's family, friends, and all those at Brown and beyond touched by him.



Tillmann Reik

Der Name Schestag

«Der Name Schestag in allen Variationen bedeutet Sechser im tschechischen und ist auch die Bezeichnung für eine Münze.» (Quelle)

«das griechische Nomen tomàs - Lichtung -, das mit dem Verb temnein - schneiden, teilen -, mit tomos - Teil, Stück - und atomos der Wurzel *tem- - teilen, schneiden - angehört.» (para)

«Das unerinnerbare Innewerden regelloser Teilbarkeit des Eigennamens, und von ihr her der Schneid- und Zerteilbarkeit jener Sprache zunächst, in die, als in die eigene und Muttersprache, «wir» geboren und eingeboren schien, streicht nicht «die Einheit von Nahme und Namen aus unserm Gedächtnis», sondern teilt den Aufriß des Gedächtnisses: der Sprache zur weder allgemeinen noch besonderbaren -nahme, der die Möglichkeit von Sprache und Gedächtnis entspringt, ohne - der -nahme überhoben - zu Stand zu kommen. Das Abschiednehmen, in der Selbstzuwendung, zum -namen im Eigen-, der Namenträger, vom Schein fragloser Gegebenheit der Wortsprache…» (Thomas Schestag, Parerga)

«Ein Lesen, das nicht liest, um am Lesen als Apperzeption, Apprehension und Appropriation eines zu Lesenden teilzunehmen und festzuhalten, sondern das vom Lesen abläßt, keiner kurrenten oder ausgefallenen, eingeübten oder extravaganten Auffassung vom Lesen nachgibt (und anheimfällt), sondern das Lesen (als Vermögen) aufläßt und -löst. Ein um Herkunft und Ausrichtung des Lesens unbekümmertes, Lesen weder in logische noch teleologische Rahmen spannendes, scham- und sorgloses Lesen, das - am Rand der Selbstvergessenheit - die Grenze zur Selbstlosigkeit passiert.» (Thomas Schestag, Armes Lesen)

«Der Autor und Freund ist am 26. August in Portland gestorben.»



Alfred Böttger

Trauer um Thomas Schestag

Schwierige, aber ganz wunderbare Bücher von ihm, die man immer wieder lesen muss, lesen sollte, sind in meinem Sortiment. Ich werde die Begegnungen mit ihm in meiner Buchhandlung in seiner sehr kurzen Bonner Zeit nicht vergessen. Dass er hier an der Universität nicht akzeptiert wurde, ist tragisch.



Rembert Hüser

Passen Sie auf!

Auf einem DFG-Symposion zu Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung 1998 nahm mich ein Titularprofessor an der Universität Zürich beiseite: Passen Sie auf, dass Sie nicht so werden wie Thomas Schestag. Ich sagte: Thomas ist mein Freund. Ich wollte, ich würde so wie er. Es tut so weh!



Alexandru Bulucz

Ein paar Zeilen zum Tod von Thomas Schestag

Die Nachricht gibt mir seit gestern Nacht keine Ruhe, und vielleicht hilft ein kleiner Nachruf für eine kleine Runde.

Als ich im Jahr 2008 mit meinem Studium der Germanistik und der Komparatistik an der Goethe-Universität Frankfurt anfing, war Thomas Schestag auf dem Weg nach draußen, sozusagen - laut eigenem CV war er der Goethe-Universität von 1998 bis 2013 verbunden, zuletzt als Privatdozent der Komparatistik. Danach wurde er Associate Professor of German Studies an der Brown University, schließlich Professor of German Studies daselbst.

Habe ich bis 2011 auch nur ein einziges Seminar von ihm besucht? Nein. Bin ich ihm auch nur ein einziges Mal im ersten Stock des IG-Farbenhauses (unser Campus), irgendwo zwischen Q1 und Q3 (das sind die Querbauten des Hauses, dort liegt das Institutssekretariat) begegnet? Ich glaube, auch das nicht.

Dann kam der 30. Mai 2011. Ich meine, ich war, schon oder noch, Studivertreter des Instituts (mit Laura Linde?). Zu diesem Datum haben sich einige von uns Studis zusammengerottet und wurden Schestags Umzugshelfer, eher Auszugshelfer. Er war dabei, die Frankfurter Komparatistik für immer zu verlassen. Léonce (Lupette) war damals auch da und beschreibt diesen Tag in seinem schönen Nachruf in der eigenen Facebook-Chronik ausführlicher. (War auch Philipp (Stadelmaier) unter den Umzugshelfern?) Auch ich bekam damals von Schestag ein signiertes «para-»-Exemplar als Dankeschön - so heißt seine Zürcher Diss, die 1988/89 angenommen wurde, «auf Antrag von Prof. Dr. Hans-Jost Frey», wie es darin heißt.

Obwohl ich kaum mit ihm zu tun hatte, war er Teil meines Studiums - und wenn nicht er selbst, so doch der Mythos Schestag, von dem man sich Geschichten erzählte, etwa von seiner Antrittsvorlesung an der Goethe-Universität, wenn ich mich richtig erinnere. Von seinem Text »Zum Gruß» - das muss sein Vortrag damals gewesen sein. Ich habe Schestag Anfang 2014 dann gebeten, diesen Text noch einmal vorzuzeigen, und er hatte zugesagt - damals bei Faust-Kultur, siehe Kommentar: Über die Wayback Machine lässt er sich noch lesen.

Schestag war über meine Lektüren von ihm derart tief in mein eigenes System vorgedrungen, dass ich auch das erwähnen muss: Werner Hamacher bat mich zur Besprechung meiner Hausarbeit über René Char und verabschiedete mich nach ihr, ohne mich benoten zu wollen, mit folgender Bemerkung: «Was habt ihr denn alle mit diesem Schestag?» Er meinte nicht irgendwelche Schestag-Texte, die es in unsere Fußnoten geschafft hätten, sondern die Schestagsche Reflexion auf der Ebene von Buchstaben, Silben, Klang, Etymologie, Typografie etc. Selbst dem großen Hamacher war Schestag bisweilen zu viel. Mit anderen Worten: Dieser hatte jenen in der Art, dekonstruktivistische Verfahren anzulegen, übertroffen. Hamacher warf mir/uns vor, Schestag nachzuahmen. Doch wir haben auch Hamacher stilistisch nachgeahmt. Und beide nachzuahmen, war zum Scheitern verurteilt. Sie sind nicht nachahmbar in ihrem Operieren an der Grenze von Wissenschaft und Dichtung. Aber gerade diese misslungenen und peinlichen Versuche bedeuten mir mit Blick auf meine eigene Lyrik die Welt. Nicht einmal eine KI könnte die beiden authentisch reproduzieren, was eine große Chance ist, denke ich, gerade für jene, die sich in der Dekonstruktion verorten.

Ein Schestag-Aufsatz, den ich früh in meinem Studium gelesen habe und der mich seitdem begleitet, heißt «Philologie, Erkenntnis» (Neue Rundschau 119 (2008), H. 3, 128-143). Ich habe diesen Text erst kürzlich wieder zitiert, in meiner Antrittsvorlesung zur Göttinger Anna-Vandenhoeck-Dozentur für Literaturkritik:

«Beide Namen - PhilologieLiteraturwissenschaft - stehen auf den ersten Blick synonym. Sie nennen ein und dasselbe wissenschaftliche Milieu, in dem durch vorgezeichnete oder vorzuzeichnende Wege Zugang zur Erkenntnis über ein und denselben Gegenstand - Literatur - erschlossen werden soll. Bei genauerem Hinsehen aber stellt das Verhältnis von Philia und Logos in der Philologie das Verhältnis von Literatur und Wissenschaft in der Literaturwissenschaft auf den Kopf. Und umgekehrt. In dem zusammengesetzten Wort Philologie liegt keine Kompositbildung nach dem Vorbild der Biologie oder Anthropologie vor, wo die erste Worthälfte - Bio-Anthropo- - den Gegenstand, die zweite - -logie - aber die Wissenschaft von diesem Gegenstand nennt. Philologie, nach diesem Schema aufgefasst und auseinandergelesen, wäre die Wissenschaft - -logie - von der Liebe, von der Zuneigung oder vom Mögen - Philo- - überhaupt. Die Übersetzung von -logie durch -wissenschaft wird in der Philologie unterbrochen und umgekehrt. Die Literaturwissenschaft als eine unter anderen -logien begegnet in der Philologie nicht sich selbst, bloß unter einem andern Namen, sondern der Infragestellung ihres Selbstverständnisses als Wissenschaft.»

Die typografischen Hervorhebungsmittel der Dekonstruktion machen ihre (ohnehin nicht leicht bekömmlichen) Texte nicht gerade leserfreundlich. Doch das ist der Versuch, mit allen Mitteln auf Sprache und ihre Bestandteile zu reflektieren. Mehr Semantik daraus zu holen als vielleicht vorhanden.

Und dann gab es da noch meine Korrespondenz mit Thomas Schestag über meinen Debütband «Aus sein auf uns» von 2016 - «uns» (Personalpronomen) respektive «Uns» (Mehrzahl der Vorsilbe «Un-»). Natürlich fiel sein Blick sofort auf dieses «Un-» und dessen Karriere vor allem in der Psychoanalyse.

Ich zitiere aus einem E-Mail-Schreiben von ihm vom 11. August 2016:

«Das Gedicht - Und den Rest der Welt -, aus dem der Titel wiederkehrt, oder auftaucht, taucht ja (so scheint mir, unter anderm auch) aus einer Lektüre von Celans Große, glühende Wölbung, aus auf jenes andre, oder aus jenem andern, fort von dort, auf. Mitgebracht, unmitgebracht. Verbracht, unverbracht. -brach-.

 «Un», die Marke der Verdrängung (schreibt Freud irgendwo): Im Un spielt eine Gegenwendigkeit, die unfeststellbar bleibt. Un, als Marke der Verdrängung, verweist auf Un-un: auf die Marke der Verdrängung (der Verdrängung), so daß im Un offen bleibt, so daß Un unschlüssig darüber läßt, ob Verdrängung oder Verdrängung der Verdrängung vorgeht: unschlüssig darüber, was genau drängt und, indem es drängt, verdrängt (oder verdrängt wird). Von dort, vom Un her, geht auch ein Riß durch uns (Gedichte). In uns spielt ein Un-s. Und so in allen Lettern dieser Gedichte (allenthalben). Sie erkunden ein ABC aus Un-a, Un-b, Un-c, in jedem a und und c, un(d) so fort. Das jede Letter jedes Worts zu Begegnungen aus Ab- und Um- und Un- und Wiederkehr entflicht. So un-terwegs: unwund, wund. Vielleicht erkunden diese Gedichte, unerhört, das –un– in beiden: Wölbung und Windungen, auf beide aus, in Celans Gedicht, aus beiden vor, in dies Gedicht: [...] den Rest der Welt

Wieder geht also jemand, der mir viel bedeutet. Der Lehrstuhl der Frankfurter Komparatistik von heute ist ein anderer als der, zu dem ich damals hinzugestoßen war: Werner Hamacher starb 2017, Edgar Pankow 2022, und nun Thomas Schestag. Als ob etwas in einem selbst dabei stürbe.

Rest in Poetry, Thomas Schestag!



Léonce W. Lupette

Die Parzen sind grausam in diesem August

Nun ist Thomas Schestag gestorben. Nachdem der deutschsprachige akademische Betrieb ihn über viele Jahre lang schmerzlich gering geschätzt hatte, konnten wir ihm mit einer Handvoll Kommilitonen im Mai 2011 dabei helfen, seine immense Bibliothek zwecks eines Rufs nach Portland, wohl schon mit Aussicht auf die Brown University in Rhodes Island — in damals bessere und dankbarere Welten — in einen kleinen Schiffscontainer zu verfrachten, der eigens mit einem LKW an Schestags Frankfurter Adresse vorgefahren kam, um dann die Bücher zum Hafen in Hamburg zu bringen. Es war warm, wir staunten alle über die Schätze, die wir da in einer Kette in Kisten verluden, und nach getaner Arbeit drückte Thomas jedem von uns verlegen einen Zwanziger in die Hand. Viel besser aber war ein anderes Geschenk: Wir saßen dann in verschwitzter Runde in einem bücherleeren Raum zusammen, um eine unverladene kleine Kiste herum, Schestag mit einem verschmitzten Lächeln: Die Kiste hatte er beim Sortieren und Einpacken seiner Bibliothek gefunden, darin einige neuwertige Exemplare seines ersten Buchs, «para –». Er schenkte jedem von uns eines davon. Farewell, Thomas Schestag, you were one of the great ones!



Anthony Curtis Adler

Hoarfrost

I was very saddened to hear, through a friend who called unexpectedly and early in the morning, of the passing of Thomas Schestag. I met him for the first time as a graduate student at Northwestern, where he gave an extraordinary talk on Kleist and Brockes and friendship. Though, of course, Thomas Schestag's incomparable writings - the character of which is perfectly captured by Daniel Hoffmann-Schwarz - are never quite on the things they seem to be about, but rather about language itself: not in the abstract but in the minutest sense of their always-particular textual vicissitudes.

I was later asked by Peter Fenves to translate the text into English for Eighteenth-Century Studies, which I agreed to, though without a clear idea of the task that awaited me. This was the first time I saw my name in print. I met Thomas a few times subsequently, first when he came to Northwestern and gave a seminar that I attended, and once, in Providence, when I had coffee with him just after he had been hired as a professor. I remember him talking about the English word «hoarfrost,» and, of course, his kindness and graciousness. It seemed not so long after that I learned he was sick with cancer.

In a world of Theorists, who have never relinquished the Hegelian pretension to mastery, Schestag was a reader, submitting to the text, in its minutest details and tendencies, in a manner that seemed more like an ascetic discipline than any conventional academic practice. In a world of Public Intellectuals, his texts were resolutely demanding and esoteric. In a world of Celebrity Academics, he was something far greater, if less celebrated: a genuine thinker whose path was entirely his own.

In some ways, he reminded me of a Taoist sage: his readings did not seek to find some use value in texts, cashing them out, making them speak to the present. But he also didn't peddle in the exchange value of prestige and cultural capital. His withdrew the text from every possible use, as if discovering the gnarled crooked wood of language from which it was fashioned. -



Philipp Stadelmaier

Die Narben der Philologie

Neben Werner Hamacher, der ihm gegenüber skeptisch eingestellt war, war Schestag die andere prägende Figur der Frankfurter Komparatistik der Nullerjahre. Ruhiger als Hamacher, aber in dieser Ruhe verunklarender. Schestag war die Ruhe im Verunklaren selbst, Hamacher das nachdrückliche, dröhnende Hämmern einer Klärung, das umso intensiver wurde, als dass es gerade jene Bezirke der Sprache widerhallen ließ, die sich nie klären ließen. Wurde um Hamacher, an dem sich alle abarbeiten mussten (so wie Hamacher sich an Derrida abarbeiten musste) ein peinlicher und ambivalenter Personenkult betrieben (an dem er selbst keineswegs ganz unbeteiligt war), schlug Schestag stets eine ungeteilte, sanfte Welle herzlicher Irritation entgegen, die sich (entspannt, grinsend) im Unverständlichen auslaufen und verteilen konnte - ein anderer Teil dieses schwierigen, komplexen, reichhaltigen Erbes der Frankfurter AVL. Für einen Personenkult eignete sich Schestag allein deswegen nicht, weil es fragwürdig ist, dass er sich überhaupt als «Person» begriff. Auf die Erklärung eines japanischen Gaststudenten, er habe das Zimmer, das Schestag ihm vermietet hatte, in einem «unmenschlichen» Zustand hinterlassen, erwiderte Schestag schulterzuckend: Haben Sie ein Glück, dass ich kein Mensch bin. So jedenfalls will es die Legende.

Drei Momente, die in Erinnerung geblieben sind: eine Einführung, eine Narbe und ein Florett.

Die Einführung war jene in die Literatur, als könnte es so etwas wie «Literatur» geben und als könne man je in irgendetwas initiiert werden (außer in einen identitären Diskurs). Gemeint ist die Veranstaltung «Einführung in die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft» im Sommersemester 2004 (wenn ich mich recht erinnere). Erste Stunde: Schestag fragt in die Runde, was denn die Anwesenden so unter Literatur verstünden. Es folgen 90 Minuten idiotisches Rumlavieren von Abiturient:innen, präpotentes Gelaber zukünftiger Romanschreiber:innen, paradoxe Ansichten angehender Lyriker:innen sowie tonnenweise germanistische Plattitüden. Glücklicherweise war Schestag nicht nur kein Mensch, sondern auch kein Germanist. Er hört sich alles ruhig an, wie ein Analytiker. Als die Sitzung beendet ist, steht er auf und sagt freundlich: Schön, dass Sie das mal loswerden konnten. Jetzt vergessen wir das ganz schnell wieder, nichts davon wird uns interessieren, denn nichts davon ist Literatur, da es gar keine Literatur(-wissenschaft) in diesem Sinne gibt, haha, und nächste Woche fangen wir an. - Willkommen in der Welt der Dekonstruktion.

Die Narbe war die Narbe des Odysseus, im Text von Erich Auerbach, gelesen in eben dieser «Einführungsveranstaltung» nur weniger Wochen später. Auerbach analysiert bekannterweise die Entdeckung der Narbe, die bei Homer auf ihre eigene Vorgeschichte öffnet, als Moment der Ausleuchtung eines Textes ohne Suspense, eines mimetischen Realismus, in dem, im Gegensatz zur alttestamentarischen Ästhetik, nichts im Verborgenen bleibt. Schestag - in einer simplen und genialen Umkehrung - sah in der (bei Homer sofort ins Dunkel gerückten) Narbe das Problem einer versehrten und vernarbten Mimesis, die nie genug nachahmen, nie genug ausleuchten kann. Jedes Wort öffnet auf ein weiteres. Jeder Text, jede von ihm imitierte Wirklichkeit ist überzogen von Narben.

Das Florett wiederum - «fleur! et», aus Mallarmés «Crise de vers» - Schestag hat es in seinem philologischen Kommentar zu Francis Ponges «Änderung der Ansicht über Blumen» aus einer Blume (fleur) und einem Und (et) zusammengebaut, während es mitten im Wort in Form des ! auftaucht, das dieses (Wort) zerteilt, spaltet, anficht. Dieses Florett / ! hat mich nie aufgehört zu faszinieren, seitdem ich damals eine Hausarbeit zu Mallarmé und Derridas Mallarmé-Text aus der «Dissémination» schrieb (für mich einer der prägendsten Texte überhaupt). Immer dieses Fechten mit der Sprache bei Schestag. Immer unser Fechten mit Schestag. Gefechte der Philologie, blühende Narben der Philologie. Das nur um zu sagen, dass Schestag eine Spur hinterließ, eine Narbe, die sich nie schloss und nie aufhörte zu blühen.



Norbert Schultheis

R.I.P. Thomas Schestag

«Vor alles, was Freunde in der Freundschaft teilen, vor alles, was Freunden durch Freundschaft gemeinsam ist, bleibt Aristoteles mit diesem Mit, mit der Frage nach dem Aufriß des ko- und kom-, das ins lateinische cum- und com- und co- einwandern wird, als Anspruch auf das Ziel - télos, auf erfüllte Freundschaft - teleia philia, zurück: mit diesem Mit allein.

- Du hast eben so gesprochen, als bedeuteten gemeinsam und teilen ein und dasselbe.

- Ja. Auf dies Oszillieren zwischen mit und teilen am Horizont der Freundschaft als Gemeinschaft werden wir immer wieder stoßen. Denn Aristoteles bleibt mit genau dieser Frage, nach einem Mit, das Freunde teilen

- … mit diesem Mit und seiner Mitteilung

- … allein.

- Eine Mitteilung, die nicht nur ohne ihn, sondern ohne mit zurück …

- Die übrig bleibt, without: eigentümlich -teil-bar.

- Wenn erfüllte Freundschaft - teleia philia - …

- … die Aristoteles zur Freundschaft unter Menschen präzisiert und gegen die Freundschaft - philesis - mit leblosen Dingen, aber auch mit andern Lebewesen absetzt, …

- Wenn das Ziel erfüllter Freundschaft also in der Freilegung und Verwirklichung einer exklusiven Auffassung der Partikel ko- liegt, wenn Freundschaft durch nichts als durch partikulare Gemeinschaft, durch ein Mit und Miteinander(sein), das die Aufgabe der Absetzung von andern einschließt, ausgezeichnet ist: Ist Freundschaft unter Menschen - philia - dann Freundschaft zur Gemeinschaft (die es noch nicht gibt und vielleicht nie geben wird) oder Freundschaft durch Gemeinschaft (die ihr immer schon zugrundeliegt und auf die es nur zurückzugreifen gilt)? Ist also das Mit, das die Mitte (nicht das Mitte) der erfüllten Freundschaft nennt, Ursprung oder Ziel, vorgegeben oder aufgegeben?

- In der Eudemischen Ethik nennt Aristoteles die vollkommene Freundschaft prote philia, also zuvor-kommend, durchaus auch in dem Sinn, daß sie allen andern Auffassungen von Freundschaft als die vollkommene voraus-, zugrundeliegt; in der Nikomachischen Ethik, später, nennt Aristoteles die vollkommene Freundschaft teleia philia, auch in dem Sinn, daß die erfüllte Freundschaft aufgegeben ist. So wichtig aber diese Frage, ob das Verhältnis der Freunde zur Freundschaft als Gemeinschaft archäologisch oder teleologisch ausgerichtet aufzufassen sei, auch scheint: das Verhältnis der Freunde zueinander, das Freundschaftsverä sieht Aristoteles - und versetzt dadurch die Frage nach dem Orient, nach Ursprung und Ziel des Mit, gewissermaßen in die Schwebe - im logos im Sprechen gelegen. Es ist nicht einfach so, daß die Freundschaft, einerseits und zunächst, in der Gemeinschaft liegt, und daß dieser Sachverhalt andererseits und hernach, durch Sprache zum Ausdruck kommt und mitgeteilt wird. Sonders die Gemeinschaft der Freunde ist, wie eine Stelle in Buch 9 vermerkt, Gemeinschaft - koinonia - des Redens und Denkens: logon kai dianoias (1170b). Das Gemeinschaftliche der Freundschaft liegt aber, genau genommen, weniger im Sprechen als im Gespräch: im Dialog. Wenn das Gemeinsame - ko– - der Freundschaft als Gemeinschaft - koinonia - in der dia noía, also weniger im Denken als im Auf-dem-Sprung zum Gedanken, und entsprechend weniger im logos als im Dialog, in der Auseinander-legung (von Sach- wie Sprachverhalten) liegt, dann gehen durch den Inbegriff vollkommner Freundschaft Risse; dann kehrt aus der Mitte der Freundschaft als Gemeinschaft, aus der Mitte des Mit, die Erfahrung oder Wahrnehmung dessen wieder, was die Freunde teilen und was die Vollkommenheit der Freundschaft teilt, nämlich auftrennt, und die Möglichkeit ihres Zustandekommens zwar unter- und in Atem hält, zugleich aber aufhält und hemmt: die Teilbarkeit des Mit.

- Die Gemeinschaft der Freunde, im Gespräch, ist also Auseinandersetzung der Freunde um den Inbegriff der Freundschaft als Gemeinschaft, Auseinanderlegung dieses Inbegriffes selbst: mit. Die Fraglichkeit oder Fragwürdigkeit des Mit, das die Freunde, in den Horizont der Freundschaft eingetragen, als Freunde auszeichnen soll, treibt einen Keil zwischen die Freunde, Freundschaft und Freunde auseinander. Das einzige, was Freunde in der Freundschaft teilen, wäre die Frage, ob es Freundschaft, ob es Freunde und also den - einen oder andern - Freund überhaupt gibt. Mit einem andern Wort: dies Mit. An dieser Frage erkennen sie einander. Aber als wen oder was? Und wo, an welchem Ort, in welcher Gegend?»

(Aus: Thomas Schestag, Philia, S. 6-9, Matthes & Seitz, Berlin 2024).



Andreas Rötzer

Erstaunen, Fehlen

In Trauer um Thomas Schestag (1956-2026), der das Verlagsprogramm in den letzten Jahren mit seinen Übersetzungen und eigenen Texten bereicherte und uns Leser immer wieder in Erstaunen versetzen konnte. Seine Leidenschaft für das, was Literatur ausmacht, seine Leidenschaft für das genaue Lesen und Schreiben waren einzigartig, sein Stil herausfordernd und unerreicht. Er wird fehlen.



Dongkyu Leo Kim

You will recognize, later

In Erinnerung an ein schönes Gespräch mit Thomas in der 190 Hope Street Providence im September 2024 stelle ich hierher meine Aufnahme von Frederic Rzewskis «Song of Insurrection», Nr. 7., nach dem koreanischen Volkslied Vogel, Vogel, blauer Vogel, entstanden im Zuge der Donghak-Bauernrevolution 1894/95.

«Ich der stinkende Atem des Volks -, you will recognize, later, the shape of something unheard of. It is the threshold of what I will not describe nor discuss, but only name (and then stop talking): idiotic politics.» (Ende eines Vortrags von Thomas Schestag, geschrieben im August 2023 für die Konferenz Allegories of Breathing, Eötvös Loránd Universität, Budapest)

Rzewski Songs of Insurrection no 7- Bird Bird Blue Bird (after a Korean folk song)



Avital Ronell

Always very near, attuned

I just saw him a couple of months ago. I am staggering with grief at the loss of my beloved Thomas. Many moons ago we met at Derrida’s petit séminaire in Paris. Then I brought him to NYU for two years before landed, thanks largely to our mutual friend Susan Bernstein, at Brown. He was as tender as he was brilliant, incomparable, always very near, attuned.



Jan Kuhlbrodt

Der Bodensatz vergangener Lektüren

Schestag versteht es, mir Sprachen so zu beschreiben, dass ich einen Moment lang das Gefühl habe, sie verstehen zu können. Das kommt fast an das Ideal heran, das die geschätzte Kollegin Elke Erb vom Übersetzen verbreitet, nämlich dass man durch Übersetzung den Leser in die Lage versetzt, das Original zu lesen. Ich werde mehr und mehr zum begeisterten Schestag-Leser. Vor allem, weil er damit den Bodensatz vergangener Lektüren aufwühlt, ein Denken, das mir gesetzt schien, aufschreckt.



Christian Filips

im Zweifel für den Fehl

«Dein Hiersein, für das nicht nur ich Dir danke, hat bei denen, die dabei sein konnten, Spuren gelassen, und verzweigt, Dinge in Bewegung gesetzt, Türen aufgetan ins Unvergeßliche. (...) Auf einem Extrablatt, anbei, noch mein Versuch zur Aussicht.»

So steht es in einer Mail von Thomas, geschrieben vor fast zwei Jahren, Ende September 2024, nachdem ich auf seine Einladung hin einen Workshop in der Hope Street, Providence, gegeben hatte. Wie freundlich, wie zugeneigt und eigen dieser Dank! Es war um die Frage eines unterthänigen Übersetzens gegangen, eines Untersetzens vielleicht, das sich tief unter die Semantiken bückt, im Ausgang von den sich verbeugenden Aussichten Scardanellis (des bukolischen Narbendichters, der einst Hölderlin hieß). Mit hinein spielte auch das Sub-Missive, Unterweltliche eines BDSM-Gedichts von Logan February, Thrall

Jetzt, wo Thomas fort ist, kehrt sich seine Adresse unwillkürlich um. Der Dank ist zu erstatten, im wiederholten Wortlaut fast: Sein Hiersein, für das nicht nur ich danke, sondern alle, die dabei sein konnten, in der Anwesenheit seines Denkens, das Spuren gelassen und sich verzweigtDinge in Bewegung gesetzt, Türen aufgetan hat ins Unvergeßliche, Untote nämlich.

Angehängt an die Mail flatterte auch ein eigenes dichterisches Extrablatt herein, das aus dem Workshop hervorgegangen war. Es ist, glaube ich, bislang nirgends sonst erschienen. Ist es ein Gedicht von Thomas? Das einzige gar? Hat er je anderes geschrieben als philologische Gedichte? O meine Freunde, es gibt keinen Freund (mehr). Ich will mich verneigen vor diesem schönen Extra, vor seinem Dienst an der Poesie, vor all den Blättern in ihrer unbeugsamen Biegsamkeit.



Alexander García Düttmann

Gegen alle Widrigkeiten

Wenn es um die Sache ging, war Thomas der unnachgiebigste Mensch, dem ich begegnet bin. Diese Unnachgiebigkeit, dieser Widerstand auch gegen alle Widrigkeiten, über die er sich hinwegsetzen mußte, haben mich beeindruckt, weil ich in ihr eine Form von Treue sehe, eine Liebe. Studenten, Leser, Freunde haben ihn, glaube ich, dafür ebenfalls geliebt.



Stefan Ripplinger

In der S-Bahn mit Thomas Schestag

Dass vom Buch nicht auf den Autor geschlossen werden darf, ist eine Binsenweisheit und wie die meisten Binsenweisheiten wahr. Mein Beispiel ist Thomas Schestag, der wie sonst nur Werner Hamacher kristalline Textgebäude errichtet hat, die glauben lassen könnten, der Mann sei dem Himmel näher gewesen als der Erde. Tatsächlich erinnerte er im Umgang an den durchaus irdischen Karl Valentin, dem er überdies in einem sehr ernsten Sinn nahstand. Über Valentin schrieb Schestag: «Er hat das Leben, im Leib, der unters Dach der Sprache aufgezogen schien, wie keiner, aufs Spiel gesetzt, die Sprache, die waffenstarrende, zur Verzweiflung zu treiben, zu dem zu bringen, was andre Lachen nannten, sie dort, von dort her, zu entwaffnen.» («Die Augen zum Rücken im Blick aufzutrennen», in: Jörg Schönert, Hg., Literaturwissenschaft und Wissenschaftsforschung; 2000)

Schestag bin ich nur zweimal begegnet. Das erste Mal war in Lana, 2007. In einer seiner faszinierenden Lektüresessions besprach er einen Dichter, den ich damals noch nicht kannte: George Oppen. Oppen, den die Antikommunisten nach Mexiko vertrieben hatten, wo er 15 Jahre lang als Dachdecker arbeitete. Oppen, der Philosoph unter den Dichtern. Oppen, der Unbestechliche. Höhepunkt meiner Beschäftigung mit ihm war 2022 ein Dossier im Schreibheft, das Oppens Schülerin, Rachel Blau DuPlessis, bestritt und das ich übersetzt habe. Kurz danach wollte Schestag Oppens «Five Poems About Poetry» (aus This In Which; 1965) neu herausgeben, er brauchte die Rechte, ich stellte die Verbindung mit DuPlessis und Oppens Tochter Linda her. 

Das erwähne ich nur, weil, morbider Zufall, nun auch Rachel Blau DuPlessis gestorben ist, am 2. September, am selben Tag wie Gloria Steinem, eine andere große Feministin. Rachel hat großartige Gedichte geschrieben (die wir in der Mütze veröffentlicht haben), aber am meisten bewunderte ich stets ihre frühen Essays (etwa in The Pink Guitar. Writing as Feminist Practice; 1990), eine wilde Mischung aus Reflexion, Polemik und Tagebuch.

Meine zweite Begegnung mit Schestag war vor einigen Jahren bei einer Garden Party von Nils Plath. Ich versuchte, Schestag Anekdoten über den von mir verehrten Hamacher zu entlocken. Aber nichts zu machen, er lächelte und schwieg. Also habe ich mich den ganzen Abend mit seiner reizenden Frau, Cathérine, über französische Literatur unterhalten, und das hätte es gewesen sein können.

Aber auf dem Nachhauseweg trafen wir - Schestag, seine Frau, ihre Tochter und ich - uns unversehens in der S-Bahn wieder, und das war gewiss die heiterste S-Bahn-Fahrt meines Lebens. Als ob Schestag den kompletten Adelung intus hätte, erfreute er uns mit urtümlichen Wortgespenstern und entwaffnete so die waffenstarrende Sprache. Wir kamen gar nicht mehr aus dem Lachen heraus. Auch stellten wir zu unserer Genugtuung fest, beide Georges Perros zu lieben.

Was die etymologische Methode betrifft, neige ich eher den Ansichten von Jean Paulhan (La Preuve par l'étymologie; 1953) als den seinen zu, aber davon abgesehen, habe ich sein Buch über Hannah Arendt (Die unbewältigte Sprache; 2006) überaus geschätzt. Und erlaubt, entlaubt  (2021) schien mir überhaupt die wichtigste philologische Schrift seit Hamachers Entferntes Verstehen (1998). Das schrieb ich Schestag auch ungefähr so, er antwortete sehr elegant und - ich kann mir nicht helfen - valentinesk:  «Daß Sie das Erlaubnisbüchlein über den grünen Klee loben, erfüllt mich natürlich, was meine andern armen Bücher angeht, mit einem etwas mulmigen Gefühl. Doch dann auch wieder nicht. Denn einmal erschienen, muß man sich ja nicht mehr um sie kümmern.» (7.10.2022)



Sandro Zanetti

Herzlich dorthin

Zürich, 1. September 2026

Lieber Thomas,

wir haben uns vor fast dreißig Jahren in Basel kennengelernt, ich war noch Student. Später haben wir uns in Frankfurt am Main wiedergetroffen, in Berlin, mehrmals in Zürich, in Jerusalem, in Menaggio, zuletzt im März in Providence. Unvergessen in Frankfurt um die Jahrtausendwende, wie ich mit meiner Dissertation feststeckte und Dir sagte, ich arbeite zum Begriff der Zeit bei Celan. Du: «Welcher Begriff?» Womit Du das Problem meiner damaligen Fixierung auf (vermeintliche) Begriffe schlagartig erkannt hast. Diese Skepsis ist mir bis heute geblieben. Und schon in dieser 'Sprechstunde': die Rückkehr zu den gelesenen, den wieder und wieder gelesenen Texten, ihren Wörtern, Buchstaben, Kritzeleien, Klängen, Rhythmen, Synkopen, Pausen.

Im März in kleiner Runde ein offenes Gespräch, eine gemeinsame Lektüre von Emily Dickinsons «I'm Nobody! Who are you?» Zweite Zeile: «Are you – Nobody – too?» Bist Du (Niemand) auch? Bist Du Niemand (auch)? Bist Du (auch) Niemand? Falls ja - auf welche dieser Fragen auch immer: «Then there's a pair of us!» Das ist vielleicht der Trost, der bleibt. Deine Stimme war in den Tagen im März angegriffen. Von der medizinischen Behandlung. Aber diese gebe doch Anlass zu Hoffnung, sagtest Du, damals. Am Tag davor: Ich solle doch das bislang weitgehend unbekannte Dossier von Francis Ponge zum Gedicht «Les hirondelles» («Die Schwalben») edieren, zu dem ich davor in einem Vortrag gesprochen hatte. Ich weiß nicht, ob das einmal geschehen wird. Aber schön wäre es. Und jetzt diese Nachricht. Where are You, Thomas? Ich vermisse Dich. Also bleiben wir im Gespräch, ja?

«Herzlich dorthin», schriebst Du mir zuletzt.

Und: «Der Herbst ist ja eine der farbenprächtigsten Jahreszeiten.» 

Herzlich dorthin!

Sandro 



Judith Kasper

Thomas l’Obscur

Am Tag nach seinem Tod erhielt ich die Nachricht. Am Tag nach Eintreffen der Todesnachricht besuchte mich in meiner Venezianischen Wohnung eine Mantis religiosa. Sie saß auf einem Haufen Wäsche, der sich über der Sessellehne türmte. Ich empfing sie staunend, als Geschenk und als Relikt. Sie stellte unmittelbar die Verbindung zu Thomas' Buch Mantisrelikte (Basel: Urs Engeler 1998) her, das ich vor gut 15 Jahren gelesen habe und das mich bei meiner Lektüre von Dantes Inferno 20 begleitet hat. Dort geht es um die Wahrsager und Zauberer, die weil sie zu weit sehen, in die Hölle verdammt werden. Unter ihnen die Zauberin Manto, nach der die Stadt Mantua benannt ist, aus der Vergil, Dantes Führer durchs Inferno, stammt. Die nicht etymologische, aber homophon naheliegende Verbindung zwischen Mantik und Semantik, eine Spur, die Thomas in seinem Buch legt, brachte mich auf die Sprünge, um über Dantes Nähe zu Manto (die in einer anderen poetischen, verzauberten Semantik, im incantamento des canto nachwirkt) zu spekulieren.

Heute habe ich Mantisrelikte wieder zur Hand genommen. Früh darin begegnet Thomas der Mantis religiosa in Blanchots Roman Thomas l'Obscur. Thomas der Dunkle, das ist Thomas der Leser: 

«Il lisait. Il lisait avec une minutie et une attention insurpassables. Il était par rapport à chaque mot, chaque signe du texte dans la situation où se trouve le mâle par rapport à la mante religieuse au moment d'être dévoré.» (Blanchot, Thomas l'Obscur, Paris 1941, S. 21.) 

«Der Satz, der zu erklären scheint, wie Thomas liest, bleibt dunkel.» (Schestag, Mantisrelikte, S. 71).

Näher und ferner, intimer und fremder als alle begabten Leser_innen, die ich kenne, las Thomas. Was Lesen heißen mag, wird durch jeden seiner geschriebenen Sätze - Spuren seiner Lese auf exzentrischer Bahn - neu zur Frage. Wer seine Texte liest wie Interpretationen, die den Sinn eines literarischen Textes erhellen sollen, bleibt frustriert. Thomas' Texte sind keine Sekundärtexte im gewöhnlichen Sinne; wie sie, als schriftliche Spur einer Lektüre, zum Gelesenen stehen, ist das Geheimnis, das sie in sich tragen. Und um das ich als Leserin von Thomas' Texten kreise, ohne dass ich es erhellen könnte (Erklärungen wie Heidegger- und Dekonstruktionseinfluss scheinen mir die Beunruhigung, die von Thomas' Lesen ausgeht, bändigen zu wollen). 

Manchmal kommt mir Thomas selbst wie ein Insekt vor, das sich durch die Wörter gräbt und frisst, sie ausgefranst zurücklässt, ohne sie indes zu zerstören, sondern sie vielmehr in ihrer Porosität fremdartig schillernd erscheinen zu lassen (Wörter dadurch zu entwaffnen, es ist eine Arbeit, mit Barthes gesagt, gegen den gewaltsamen, faschistischen Zug in der Sprache, der sich allzu oft auch in der Sprache der Literaturwissenschaft durchsetzt). Wörter werden neu und anders hörbar, manchmal für immer (es gibt kein Zurück). Am freigesetztem, aufgerissenen Wortmaterial lässt sich anknüpfen, die Relikte sind da, aufgelesen zu werden. 

Ein ums andere Mal habe ich Thomas eingeladen, ins Boot verschiedentlicher Projekte aufzuspringen. Er sagte erstaunlich oft zu: Etwa im RISS (so der Name der psychoanalytischen Zeitschrift, die sich seit 1986 für die Rezeption von Jacques Lacans Werk im deutschsprachigen Raum einsetzt und deren Mitherausgeberin ich seit 2017 bin, RISS, ein Name, ein Wort, das vielleicht eines der wichtigsten in Thomas' Texten ist). Im RISS trug er zur Nummer 88 «Fröhliche Wissenschaft» bei. Sein Text «schneider-»- war so lang, dass wir ihn durchschnitten; der zweite Teil kam in der Nummer 89 - zum, Begriff der «Übertragung» - heraus. Inwieweit Thomas an der Psychoanalyse interessiert war, auch das ist mir immer eher rätselhaft geblieben. Dass man seine Art zu lesen mit Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft in Verbindung bringen kann und auch mit dem psychoanalytischen Übertragungsbegriff (sofern dieser überhaupt auf das philologische Lesen 'übertragbar' ist), scheint mir nicht nur durch die Koinzidenz des Erscheinens seines durchgeschnittenen «schneider-»Textes in den beiden Nummern nahe zu liegen. 

2019 begegneten wir uns nach den ersten Begegnungen in München 2011 in Jerusalem anlässlich einer Celan-Tagung wieder. Er war von der Krebs-Erkrankung, die nicht lange zuvor diagnostiziert worden war, gezeichnet, aber mir schien, dass seine Züge, seine Haltung zur Welt und zur Sprache, vielleicht noch deutlicher zum Ausdruck kamen. Ich schickte ihm an Weihnachten 2019 zwei Schnappschüsse, die ich bei diesem Aufenthalt von ihm gemacht hatte und auf denen ich ihn sehr schön fand. Er antwortete in seiner Mail vom 13. Januar 2020: 

Liebe Judith,
wir waren paar Tage unterwegs, deshalb erst jetzt vielen Dank für die beiden Schnappschüsse! Der Mensch (auf dem Bild) lehnt immer noch ziemlich schief in der Welt, woran sich wohl auch fortan nicht mehr viel ändern wird. 

Ja, die Tage in Jerusalem waren intensiv, verschiedenste Töne, Geräusche und Stillen, die da einander kreuzten.

Auch Dir, von hier draußen (Portland), wünsche ich ein gutes neues Jahr, das sich aus sich entrollen mag, wie es Dir gefällt.

Mit herzlichen Grüßen,

Thomas

Seine schöne Schiefe. Sie fehlt jetzt.

«Hier draußen» - «Portland» - am anderen Ende der Welt, ich hörte darin auch das Celansche «wir sind weit draußen». Und vielleicht, aufgrund des exponierten Hafens, in dem er lebte, sagte er später zu, an dem von Fabien Vitali, Andrea Renker und mir initiierten Projekt «Dante: 1 Sonnet, 30 Übersetzungen» mitzumachen. Es ging darum, Dantes Jugendsonnet «Guido, io vorrei», in dem eine Gemeinschaft von Freunden, die auf einem «vasel», einem «Auslegerboot», wie Thomas übersetzt hat, ausfahren, zu übersetzen. Erst jetzt, beim Wiederlesen, höre ich die Doppeldeutigkeit des Wortes «Auslegerboot», das erstmal so technisch klingt, aber natürlich (wie konnte ich das die ganze Zeit nicht wahrgenommen haben?!) die übersetzerische und philologische Tätigkeit des «Auslegens» mitsagt. Thomas' Boot ist «weit draußen», wo sonst auch. 

Die eingeladenen Übersetzer*innen des Gedichts waren auch aufgefordert, ihre Übersetzung zu kommentieren. Thomas hat sich darauf eingelassen, er gibt Einblick in sein «Wortlabor». Der Zusammenhang von Gesang, Dichtung und Verzauberung (Manto grüßt) - incantamento bei Dante - , trägt auch Thomas' Übersetzung. Sie ist gereimt. Und reimt über den Reim des Gedichts hinaus, den Reim selbst reimend, identisch reimend, mit dem homonymen - lateinischen Wort rima,  das … «Riss» bedeutet: 

«Durch die Reime - rime  - aber, weil sie, nicht ganz nach Belieben, andre Reime fast erzwingen und anagrammatisch zum Beispiel in Ruder - remi  - spielen, geht ein Riss, oder Leck: rima im Lateinischen; vom italienischen rima  - Reim -, dem Klang und Schriftbild nach, unscheidbar.» (Thomas Schestag, «Auslegerboot», in: Dante. 1 Sonett, 30 Übersetzungen, Wien 2020, S. 115).

Die Leine ist gerissen, die Auslegung kentert, das Boot weit draußen.

In den Relikten, den Splittern, den schwimmenden Silben und A-tomen finde ich auf offenem Meer, im Haltlosen, einen Halt.



Martin Zingg

Thomas Schestag lesend

Ich sehe mich noch, Beginn der 90er Jahre, in einer Buchhandlung vor einem Regal stehen, in der Hand ein Buch von einem mir unbekannten Autor. Es hat über 500 Seiten und trägt einen ungewöhnlichen Titel: «para-», das gefällt mir. Francis Ponge wird im Untertitel genannt, ihn verehre ich, Johann Peter Hebel sowieso, Lukrez kenne ich zwar kaum, aber er wird wohl dazu passen, warum auch nicht. Angezogen hat mich auf dem Buchumschlag die Erwähnung Ponges. Und dann diese vorsichtige, immerzu tastende, vibrierende, überaus reiche Sprache. Ich lese lange darin, blättere hin und her, und schliesslich schiebe ich das Buch wieder zurück ins Regal, ich bin unsicher. 

Meine Vermutung, dass das Buch in einer Woche immer noch da sein werde, am selben Ort, also unverkauft, trifft zu, zum Glück. Und seither: diese lange, kurvenreiche Abenteuerreise durch die Sprache. Immer wieder wird sie angeschoben von Texten, die unter dem Blick von Thomas Schestag zu verstehen geben, dass man sie bisher kaum kannte, nicht so jedenfalls, wie man vermeinte, und dass sie zu kennen, gar über sie zu verfügen, nicht das Ziel einer Lektüre sein muss.

Thomas Schestag lesend habe ich unter anderem eine Ahnung bekommen, wie Entschleunigung aussehen könnte. Entschleunigung ist keine literarische Kategorie, ich weiss, und schon gar nicht eine literaturwissenschaftliche. Aber durch sie kommt vieles zusammen, was ich als kostbar empfinde: Geduld und Sorgfalt und Genauigkeit. Zugleich weckt sie ständig die Latenz des sprachlichen Materials. Erst sie ermöglicht diese unglaubliche, immerfort entzückende Assoziationsbereitschaft, mit der Thomas Schestag überrascht - und die wohl auch ihn selbst überrascht haben muss. 

Ach! Alles wieder hervorholen, alles noch einmal lesen. Es wird eine weitere andere Lektüre werden.



Nils Plath

Haltestelle

1. Mai 2022, irgendwo zwischen Wayland und Fox Point. 

Als Figuren wie von Beckett in den Schatten der weißen Holzhäuser gesetzt, saßen sie da und warteten. Auf den Bus. Ihr Ziel, ausgemacht von dem, der vor Ort lehrte und wirkte und den anderen eingeladen hatte, für ein paar Monate sein Office mit zu nutzen: Riffraff, Buchladen und Café. Ein passender Name, so fanden beide, für das Ziel ihres letzten gemeinsamen Ausflugs, während der eine nach Ende des Semesters der Frau und Tochter an der anderen Küste entgegensah, der andere dem einen Sohn in Brooklyn und der Spiral Jetty als Marker in der Naturgeschichte des Landes. Mit braunem Jacket, grauem Pullover, dunkelblauer Hose wurde es dem einen warm und wärmer in the Heat of the Day, während immer wieder Paare und Passanten in angemessen leichter Sportkleidung auf ihren körperertüchtigenden Runden die Straße entlangkamen. Was der andere trug, während in der App schon drei weitere Busse abgefahren waren und in der Wirklichkeit der auf den Transport angewiesenen Wartenden nicht ein einziger, ist auf keinem Foto dokumentiert. Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld und rekonstruierte Mannschaftsausstellungen aus den Siebzigern und Achtzigern: Verständigung zwischen Philologen über Leidenschaft und Zugehörigkeit, Lebenszeit und Erzählformate und über Stadt, Land, Flüsse. Im Warten darauf, dass sich durch die Ankunft eines Busses die Existenz der Haltestelle, an der sie sich wähnten, bestätige – und sich ihnen eine Tür zum Einstieg und Fortkommen öffnen würde. 

«CLOSED TODAY IN HONOR OF MAY DAY» lasen sie dann, nachdem sie ein Bus schließlich noch, und eine gute Wegstrecke vom Ziel entfernt, abgesetzt hatte. Das fanden sie richtig in einem Land, das eigentlich kein Schließzeiten in observation anderer als nationaler Belange und keine Sonntagsruhe kennt. Als Textarbeiter und als solche, die außerhalb von Tarifverträgen zu denken sich eingeübt hatten. Der eine, drinnen, dazu noch als ein unvergleichlich konsequenter Bedenker und ausgesprochen gebender Mitdenker, der es dem anderen, und nur ihm, erlaubt hatte, ihn einen «Gelehrten» zu nennen; der andere mit seiner Wertschätzung für die ganz natürlich gezeigte resistance to institution des einen – und mit seiner Erinnerung daran, wie ihn in jungen Jahren die Aushänge mit angekündigten Vorträgen «auswärtiger Gelehrter» am Germanistischen Institut seiner Heimatstadt, Wirkungsort eines Blumenberg und des für den wortkonzentrierten Leser wesentlich wichtigeren Wortfeldtheoretikers Jost Trier, hatten fragen lassen, wie diese wohl aussehen würden, diese Gelehrten, während ihm dann in der Folge drinnen fast ausnahmslos nur solche begegnet waren, für die das Wort Hochschullehrer angemessen war. Das nun passte wirklich nicht zu jenem, der dort von der Hitze des Maitags gezeichnet, sonst beizeiten richtiggehend ausgelassen und nie ohne Schalk war. Jenen Aushang in der Ladentür konnten er und der andere, beide ziemlich hungrig inzwischen, auch als eine zeitgemäße Fortsetzung zu Rosmarie Waldrops «Ein Schlüssel zur Sprache Amerikas» verstehen. (Im Laden ein Regal mit vielen Ausgaben von Burning Deck Press.) Pastiche Fine Deserts wurde zum neuen Ziel, was einen weiteren für den einen anstrengenden, fast erschöpfenden Gang bedeutete zum Genießen von französisch Süßem im italienischen Viertel. Auch das Madrid hätte es sein können; da ein anderer Buchladen des Vertrauens ums Eck. Ob seine aufgelesenen geliebten Lesespäne auch französisch oder italienisch waren, vom sogenannten Deutschen nicht zu sprechen, so blieb die Lieblingssorte des Vorausgegangenen schweizerisch («Ragusa»). Ein paar Tafeln, Importware, waren einmal auch die kleine Gegengabe für das reiche Geschenk, die ein jeder Gang mit Thomas mir bedeutete. 

In seiner Erinnerung bleibt diesem Stellenleser die Haltestelle. Als eine Stelle, die Ausgangspunkt sein kann, wo denn etwas auf einen zukommt und einen erfährt: um Thomas fort-setzenden Lektürebewegungen er-innern-d und fort-führend nachzuspüren. Von wo auch immer im Jetzt der Vorstellungen. -los heißt Weiter, im Sinne der mit sich und von ihm transportierten Worte.



Rainer René Mueller

Taglilie

zu Thomas Schestag vielleicht dies:

Anfang der 70er jahre, allein gelassen zu beginn  des studiums, mit einer biografie der verletzung, stieß ich auf das buch «Gesang der Sirenen» von Maurice Blanchot, in der deutschen erstausgabe bei Hanser, in der reihe  Literatur als Kunst,  das mich seither nie mehr verlassen hat. 

Mich in meinem denken zu Poesie, Dichtung, Worte als Kunst bestimmte.

Im selben konvolut der damals antiquarisch erworbenen bücher war auch der in der gleichen reihe 1972 erschienene band «ut pictura poesie» von Hans Christoph Buch.

Beide bücher haben mich in meinem , der sprache verantworteten poetischen Kunstwillen  über jahre im hintergrund bestimmt, ihm die stimme gegeben.

als ich bei Urs Engeler auf die schriften von Thomas Schestag stieß, schien es mir, als wäre ich auf eine zu-stimme, ein zustimmen, ein stimm-denken in der  lautl-ich-keit der  schrift ,der stimmlosen schriftl-ichkeit gestoßen.

Ich hatte / habe vergeblich versucht, in meinen späten jahren zu Thomas Schestag in NY Brown University kontakt aufzunehmen. Und bedauere es sehr, ihm nie begegnet zu.sein.

Das buch Mantisrelikte versammelte alles .

es spielte sich alles im lesen ab . 

Und in der folglichkeit der  p  o e s i e  …

… als Kunst



Monika Rinck

Entomologie

Es war wahrscheinlich im Sommer 2001, in Berlin, auf dem Treppchen vor dem blauen Container des Peter Szondi-Instituts und neben mir stand Michael Baute und fragte mich, ob ich Thomas Schestag kenne, und zwar seine «Fragmente orphischer Entomologie». Ich kannte sie nicht. Das änderte sich schnell. Die geplante Doktorarbeit über Insekten in US-amerikanischer Gegenwartslyrik hab ich zwar nie fertiggeschrieben, aber ich habe immer weiter Schestag gelesen - und Schestag kann man nie fertiglesen. Es sind unendliche Bücher. Sehr viel später traf ich ihn zum ersten Mal persönlich, in Retz, während der Dante-Tage, beim Windmühlen-Heurigen kamen wir in einer größeren Gruppe beieinander zu sitzen und sprachen über Insekten, Insekten in der Literatur. Das war luftig, hell, sehr weit oben. Im Februar 2026 schrieb er mir noch: «Und um Dir noch was andres nahzulegen: hier angehängt findest Du einen ganzen Band mit literarischer Entomologie, weil ich meinen Beitrag nicht aussondern konnte. Es geht um Karl von Frischs Entdeckung tanzender Bienen. Vielleicht interessiert Dich die Sache. Du bist ja auch Entomologin!» Und so beginnt dieser Aufsatz mit dem Titel Sprache oder «Sprache»: «Nous sommes vers la fin d'août. Wir sind, ich übersetze, gegen Ende August. Aber keine Orts-, kaum eine Zeit-, weil bloß Jahreszeitangabe, ein Monatsname - ohne Datum -, wir sind gegen Ende August, verspricht Aufschluss über das Wo und Wann und Wer - wenn Wir -, das der Satz visiert: halb vor Augen legt, halb vorenthält. Wir sind - aber weder an bestimmtem Ort noch zu bestimmter Zeit - gegen Ende August.» Gegen Ende August - so traurig ist das. 



Norbert Lange

Ein Trickster für Thomas Schestag



Oliver Kohns

Dies ist keine Performance

Ohne Thomas Schestag ist die Welt wieder einmal ein bisschen ärmer und trister geworden. Er war ein brillanter Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer, seine Texte funkeln vor Intelligenz und Witz. Ich kannte Thomas Schestag vor allem aus seiner und meiner Frankfurter Zeit. Bemerkenswert und gelegentlich irritierend war an ihm, dass er seine philologische Ernsthaftigkeit auch bei Alltagsgesprächen beibehielt - sie war keine beliebige Maske. Dabei waren seine Texte und sein Denken und Sprechen undenkbar ohne feine Ironie und subtilen Humor. Der erste Vortrag, den ich von ihm gehört habe, war im Juni 2003 in Frankfurt am Main. Sein Vortrag wurde - ich bin ziemlich sicher, von Alexander Karschnia - als «lecture performance» angekündigt, und sein erster Satz war dann, soweit ich es in Erinnerung habe: «dies ist keine Performance». Die - ich kann es nicht anders sagen - performative Ironie dieses Satzes ist niemandem entgangen, und so war sein Vortrag über Cervantes‘ «Don Quijote» von einer gewissen Heiterkeit geprägt. Seine nachdenkliche Stimme und seine kompromisslos schwierigen Texte werden mir fehlen.



Nikolaus Müller-Schöll

Künstler der Auslegung

Aus der Zeit gefallen. In der Begegnung mit Thomas Schestag fiel mir immer wieder der Satz ein, den Brecht nach der Lektüre von Walter Benjamins Thesen über den Begriff der Geschichte in sein Arbeitsjournal schrieb: «[Die] arbeit ist klar und entwirrend (...)» – so schien es mir auch um die Texte von Schestag zu stehen. So genau, so geduldig und doch auch immer von der Unruhe noch zitternd, die der Niederschrift vermutlich in jedem Fall vorausgegangen war. Niemals konformistisch, immer der Sache, den Texten verschrieben, mit denen er sich auseinandersetzte. Philologische Texte, die immer über dem spezifischen Gegenstand auch mitreflektierten, was es mit seiner Erkundung überhaupt auf sich hat. Die häufig einsetzten am Ende einer langen Überlegung, die ihnen vorausgegangen war und nun in ihnen eine überraschende neue Wendung erhielt. Erinnerungen an eine Zeit, als die Universität noch ein anderer Ort war als jener, zu dem sie heute geworden ist. Einer des Lesens, des Denkens, des Schreibens, der ruhigen, geduldigen Auslegung und nicht zuletzt ein Ort, an dem man Leute traf, die ganz anders als alle anderen redeten, dachten und vor allem lasen, so, dass man niemals das Gefühl vermittelt bekam, sie seien jetzt mit dem Lesen am Ende, fertig. Er war ein Künstler der Auslegung. Brecht schloss die Bemerkung in seinem Journal mit den Worten: «... und man denkt mit schrecken daran, wie klein die anzahl derer ist, die bereit sind, so was wenigstens mißzuverstehen.» Sein Schrecken ist heute, beim Gedenken an Thomas Schestag, der viel zu früh gestorben ist, auch meiner.



Pasqual Solaß

So viele Stimmen

In Thomas' Nähe sein hieß immer auch, in der Nähe des Unvergesslichen sein.

Jetzt muss ich wieder und wieder an dies denken:

Wer liest, liest jetzt.



Miriam Rainer 

Filou

«Als der Rhein auf jener Seite von französischen Schildwachen, auf dieser von schwäbischen Kreis-Soldaten besetzt war» - oder lass es Ausgewanderte hüben wie drüben des großen atlantischen Wassers gewesen sein -, rief «zum Zeitvertreib» einer zur andern Wache herüber: «Filu! Filu! Auf gut deutsch: Spitzbub.»

Mich rief's. Wenn überhaupt Diss schreiben, dann bei Thomas. Die Sterne standen gut für die Reise nach Providence. Slow the eye I brought (with me from Germany). 

An einem Abend, der der Information von uns Neuangekommenen zugedacht war, ergriff er, nein, nahm er das Wort auf und sagte sowas wie: «Der Ort der Schule und Hochschule ist, von der im Wortuntergrund spielenden Semantik des griechischen scholé her, Ort einer irritierenden Vakanz: Ort des Innehaltens einer zielgerichteten Bewegung - nicht zuletzt auch Ort der Aussetzung des Willens, die semantische Bestimmung dieses Ortes durchzusetzen -, Ort der Auszeit und Desokkupation.» Beim Hören war etwas in mir angekommen, da ward ungewohnter Gebrauch erlaubt von der Diss, Erlaubnis erteilt zur Selbsterlaubnis: dissobedience. 

Listen to your ears, entlaubte Ohren fortan.

Allein die ehrliche Ausgewanderte dachte an nichts so Arges, sondern meinte, der andere frage: Wie viel Uhr? und gab gutmüthig zur Antwort: halber vieri. Worunter schimmert, las Thomas, die Möglichkeit einer Solidarität der beiden Wachen - im Augenblick der Wachablösung Auszeit zu nehmen «aus dem Stehn im Sold und Stehn im Krieg»; das Soldatenleben sein zu lassen: abzuhauen, stiften zu gehn.

Wir ließen die Stellen, die Stellungen, tauschten Ufer gegen Vulkanhang, fanden uns wieder am Fuß des Ätna, wohin Thomas und Rembert uns mitnahmen, zu Huillet und Straub. How does one shoot a film under the open sky, unter offenem Himmel?

Gegend | contrata:
das, was gegenüberliegt

Geg'end:
auf ein Ende zu

Gehört die Ecke noch zur Gegend?

Unmöglich, ein Ende zu markieren

terra
terror

Straub: «Hätte ich nicht angefangen, Filme zu schießen, wäre ich Terrorist geworden.»

Und Thomas, Brocken für Brocken, aus terminiertem Terrain wieder Gegend machend: Ein Sprechen ins Blaue hinein und hindurch. Ein Lesen, bei dem mir Ohren - Eselsohren? - wuchsen. Seitdem neige ich dazu, im philo- der Philologie ein filou- herüberrufen zu hören: spitzbübisch, trickreich. Filoulogie. Ein Hören, das sich nicht an angestammte Sprachen hält, nicht ans (sogenannte) Eigene, nicht ans Fach. Das Bekanntes auseinandernimmt, bis etwas Ungehörtes herüberklingt.

Filu! Filu!

Wie viel Uhr?

Halber vieri.

Wir saßen im Eckbüro, rechts hinter der Gehilfentreppe. Dass man sich selber nicht in die Karten schauen soll, sagte Arendt einmal. Mir fiel zu ihrem Aufsatz Civil Disobedience, der vor uns lag, nicht mehr viel ein. Thomas schwieg versonnen. Mit ihm schweigen war Auszeit. 

La terre et les arbres, les pentes de l'Etna, le ciel et les nuages



Birgit Kempker

Worte wie Blumen

Es gibt niemand, der wie Thomas Schestag auf einem Stuhl, auf einem Sofa, im Sessel so lümmelnd liegen könnte und dabei komplett Contenance bewahren. Ein waches, super relaxtes Raubtierliegen, alles sehend, hörend, und dabei wie schlafend. Eine hypnotische Anwesenheit. Ein enormer Stil und eine Camouflage. Nun, das ist nicht gefährlich, das ist sogar witzig, es läuft unter dem Radar des Panikalarms. Thomas Schestag lesen ist schön gefährlich. Wegen der ansteckenden Zersetzung alles fleissig Zusammengestückelten und Gefriemelten, diese ganze so nett zusammengefasste Existenz ist Bruchwerk. Ich werde mich aber wieder trauen und mit dem Essay zu Francis Ponge beginnen. L Opinion changée quant aux fleures. Worte wie Blumen. 



Karl-Josef Pazzini

- schneider - 

Thomas Schestag kannte ich nicht persönlich. Seinen Text für den RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse 88 habe ich sehr geschätzt. Nicht unmittelbar. Er war so lang, dass wir ihn auf zwei Hefte verteilen mussten, eigentlich «konnten», in zwei Teile zerschnitten. Unter der Überschrift

- schneider -

so geschrieben, begann der Text:

«Als fehlten der Überschrift Anfang und Ende. Abgeschnitten von beiden Enden, wie versehrt, vorsätzlich oder aus Versehen, von Rissen durchlaufen, läßt der Rest an Überschriftlichkeit, übersichtlich, -sichtbar, den Blick mit einem Wort(bruchstück) allein, das nicht allein den Vorgang - Schneiden - anreißt, dem auf den ersten Blick die Überschrift als Überrest entspringt, sondern, substantiviert, am Rand einer Berufsbezeichnung, den Schneider in den Blick rückt, dem die Schnitte zuzuschreiben sind.»

Von der Performanz dieser Sätze wurde ich eingeladen und mitgenommen. Einmal den Aufschwung genommen, wie man auf ein unbekanntes, etwas störrisches Pferd steigt, war es ein anregendes Vergnügen zu lesen, schneidern zu lassen, Vergnügen als Resultat des Genusses einer Anstrengung.

Die Trauer kommt, froh den Text gelesen zu haben.

Jetzt nehme ich mit dem «Überrest» Schwung für den Tag. Es lebt sich weiter. Auch er darin.



Iris Hanika

Vielen Dank für Deinen Brief

Im Sommersemester 1984, im vierten Semester meines Studiums am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin, das inzwischen Peter-Szondi-Institut heißt, nahm ich an Thomas Schestags Übung «Kleine Prosaformen bei Johann Peter Hebel und Francis Ponge» teil und schrieb eine Arbeit mit dem Titel «Bei Grenzübertritt Angst». Ich kann mich nicht erinnern, was wir damals von Francis Ponge gelesen haben, aber ich erinnere mich sehr gut an die beiden Texte, von denen meine Arbeit handelte, Kafkas «Rede über die jiddische Sprache» und Hebels Geschichte «Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und glücklich über die Grenzen kam». An meine eigene Arbeit wiederum erinnere ich mich nicht und besitze sie auch nicht mehr, doch besitze ich noch den von Thomas Schestag ausgestellten Schein und seinen Kommentar zu meiner Arbeit. 

Den hat er am 3. August 1984 in Form eines Briefes verfaßt. Er ist relativ lang, ein ganzes DIN-A 4-Blatt in winzigkleiner Schrift lang, und ich habe mich sehr darüber gefreut, denn nur selten bekommt man solch ausführliche Rückmeldung von seinen Dozenten. Aber leider weiß ich bis heute nicht, was er mir damals schrieb, denn ich konnte es nicht lesen. Die Anrede ging natürlich leicht und der Beginn, «vielen Dank für Deine Arbeit», auch ist in der zweiten Zeile von einem Grenzübertritt die Rede, aber vom restlichen Text konnte ich nur einzelne Wörter entziffern, ich möchte sagen, dechiffrieren. Ich dachte damals, ich bräuchte halt mehr Zeit und mehr Geduld, als ich während der Vorbereitung auf meine erste Reise in die USA gerade hatte. Da ich jedoch das Land mit dem Greyhound-Bus durchqueren wollte, stellte ich mir vor, daß ich auf dieser langen Fahrt ja wohl genug Zeit für diese Lektüre haben würde; darum habe ich seinen Brief mitgenommen. An den Knickspuren erkenne ich, daß ich ihn auf A 7 zusammengefaltet habe, und ich erinnere mich auch an einen Entzifferungsversuch auf der Reise. Er brachte keinen Erfolg. 

Als der Zundelfrieder ans Eingangstor der Grenzstadt kam, fragte er die Schildwache, ob sie polnisch spräche.

Die Schildwache sagt: «Ausländisch kann ich ein wenig, ja! Aber Polnisches bin ich noch nicht darunter gewahr worden.» - «Wenn das ist,» sagte der Frieder, «so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren können.»

Dieser Brief ist mit mir bis an die Westküste der Vereinigten Staaten gereist und wieder zurück. Im folgenden Semester war Thomas Schestag nicht mehr an unserem Institut. Unsere Wege haben sich nie wieder gekreuzt, doch habe ich mich immer gefreut, wenn sein Name irgendwo auftauchte. Ich fühlte mich ihm verbunden, weil ich diesen Brief mit seinem gründlich verborgenen Inhalt hatte. Auch eine Form von purloined letter.



Eva Schestag

Make out the rest yourself

In meiner Schublade liegt ein Brief von Thomas vom 6.9.2000. Zufällig. Irgendwann muss er aus einem Buch gefallen sein. In seiner winzigen, nie restlos lesbaren Schrift schreibt er darin vom Weiß des Blatts, in dessen Rücken er kritzelt, und von der Stirn des Wals in Moby-Dick, die, weil sie weiß und gesichtslos, unentzifferbar ist. Auch schreibt er von Ishmael, dem letternlosen Leser. Sieben Jahre später greift er all das in einem Aufsatz wieder auf, führt es aus und eng und kommt über einen Brief (letter) von Hawthorne an Melville zu dem Schluss «make out the rest yourself». Jetzt nehme ich den Brief wieder zur Hand, und wenn ich den gedruckten Text über seine Handschrift lege und ins Licht halte, vermag ich das Gekritzel auf dem Blatt, Wort-im-Weiß, für einen Augenblick auszumachen. Rest in Peace. 



Adrian Giacomelli

Komparatistik mit The Doors 

Zum Tod von Thomas Schestag

Etwas enttäuscht nach zwei Semestern in der Romanistik, stieß ich auf ein sehr junges Institut am Campus, die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Ursprünglich eine Unterdisziplin innerhalb der Germanistik, hatte Werner Hamacher als Nachfolger von Rainer Wuthenow mit dem Präsidium einen Deal gemacht: entweder ich folge diesem neuen Ruf nach Amerika oder ihr gebt mir mein eigenes Institut. Das Studienprogramm diesen neuen Instituts las sich wie eine Eintrittskarte in die Machtzentrale der Welt. Hier wurde nicht gekleckert: der Text über- und umspannt alles und dehnt sich bis in die allerletzten Winkel aus. Elektrisiert, zeigte ich das Dokument meinem Vater, der meinen Fächerwechsel schließlich absegnen musste. Der war ebenfalls sofort infiziert von der Stimmung und schwärmte noch beim nächsten Brunch davon. Das Studienprogramm lag wochenlang bei uns aus und war bald so abgegriffen wie ein Gesangsbuch in der Kirche. Später erfuhr ich, dass Hamacher Thomas Schestag mit der Abfassung des Programms beauftragt hatte, dessen erste Version aber nicht erhalten blieb, sondern nur noch die Übersetzung Stefan Lorenzers, der angeblich einige Mühe hatte, Schestags Visionen in ein massentaugliches Deutsch zu übertragen. Eine gelungene Kooperation..

Was ich nicht ahnen konnte, war, welche rauschhaften Zustände man um 10 Uhr vormittags erreichen konnte, nachdem man zwei Stunden Schestags Interpretationen gelauscht hatte. Meistens war der Tag damit gelaufen. Vielen ging es ähnlich, wie nach einer Gruppenséance torkelten wir aus dem Seminarraum in Richtung Café, in Richtung Normalität, um wieder Halt zu finden, nachdem uns dieser Herr mit den dünnen buschigen Haaren und kreisrunder Brille und ausladenden Gesten, sämtliche Sicherungsseile durchschnitten hatte - mit einem väterlichen Lächeln immerhin. Aber das war eigentlich nicht das Frappierende, das sucht man ja als Student, eine Art Guru, eine neue Weltsicht und Religion. Die Religion hatten wir gefunden. Den Guru auch. Worin er aber unnachahmlich blieb, war mit welcher Geschmeidigkeit er redete, während er die Texte derart auseinander legte, dass die Buchstaben zu schwimmen begannen - von allen Seiten tauchten hinter den Worten andere hervor, aus anderen Zeiten und anderen Sprachen und alles fügte sich so, als hätten sie sich alle hinter des Autors Rücken heimlich miteinander verabredet, um uns die geheime Botschaft zu übermitteln, dass Sprache, man kann es nur plump paraphrasieren, eigentlich eine Fiktion ist und mit der Realität da draußen rein gar nichts zu tun hat. Schestag hat eine Tür aufgestoßen, an die andere nur von außen kratzten, die höchstens Derrida schon mal einen Spalt geöffnet hatte, und führte uns nach und nach ein Zauberstück nach dem nächsten auf. Bei ihm verschmolzen Poesie und Exegese auf eine Weise, die uns klar machte: eigentlich geht es nur so.

In der Regel folgte er strikt seinem Skript: zu jeder Stunde brachte er einen dicken Stapel A4-Blätter mit, ich glaube er hatte jedes Seminar schon vorgetextet. Einmal aber lief es aus dem Ufer, es ging um eine Stelle bei Hölderlin, die Schestag an einen Song von The Doors erinnerte. Er rezitierte den Refrain von The End und wies darauf hin, dass es, vom Klang her, auch  The And heißen könnte. Dann ging es los. Mehr brauchte er nicht. Mit dieser semantischen Überschneidung bewaffnet, konnte er Stunden zubringen. In seinen Seminaren wurde selten viel gesprochen, was ihn sicher belastete, doch seine Reden und vor allem die improvisierten waren zu gut, dass man immer nur weiter hören wollte. Einmal, ziemlich am Anfang, hatte ich gewagt, Walter Benjamin zu kritisieren dafür, dass er in seinem großen Erzähler-Aufsatz keine Belege anführte. Und was dann?, war seine Reaktion. Auch der Beleg muss ja wiederum belegt werden, oder so ähnlich. Damit war die Diskussion beendet.

Walter Benjamin war auch seine Antrittsvorlesung gewidmet, Schestag hob an mit den Worten: «Ich habe nichts zu sagen.» Dann fuhr er in seiner Manier fort diesen paradoxalen Satz zu beleuchten und mit ihm alles, was gesagt werden kann, zu hinterfragen. Walter Benjamins Doktorarbeit war von derselben Universität, die Schestag nun die Venia Legendi erteilte, abgelehnt worden, wegen Unleserlichkeit. Und diese Vorlesung, in der er gute fünfzig Mal den Satz Ich habe nichts zu sagen wiederholte, war seine Art des Protest.

Ich wünschte die deutsche Akademielandschaft wäre nicht so stocksteif und hätte ihn damals nicht abgewiesen. Jedenfalls lauteten so seine Worte, als ich mich eines Tages auf dem Flur bei ihm erkundigte, wie es denn stünde um die Professur an einer anderen deutschen Universität, und er leicht geknickt abwinkte: Es hat eine Intrige gegeben.

Dabei war sein Zugang zur Literatur der denkbar direkteste. Nicht über Biographien, Moden, Stile, Bewegungen und Kunstbegriffe. Die spielten keinerlei Rolle. Dies machte er jedem klar, der sich über expressionistische Ästhetik oder die Poetik der Romantik oder Ähnliches auslassen wollte. Nichts als Hülsen. Bis ich meine erste Hausarbeit bei ihm abgegeben hatte, dauerte es gut zwei Jahre, in denen ich wann immer möglich zu seiner Sprechstunde pilgerte. Dann gab ich ihm ein paar Entwürfe, die er las und ablehnte mit einem einzigen Hinweis: Bleiben Sie näher am Text!

Ich wünschte dies wäre kein Ende, sondern nur eine Pause, und die Tür durch die Sie geschritten sind, lieber Herr Schestag, führt sie eines Tages wieder auf den Flur in der Universität, in jene kleine Insel, von der ich Ihnen zuletzt schrieb, die das Institut für uns Studenten zusammen mit Ihnen, Hamacher, Lorenzer und vielen anderen war.

Ihr Adrian Giacomelli



Charles de Roche

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Zwei Erinnerungen an Thomas, beide aus dem Frühjahr 2020. Ich war auf seine Einladung hin als Gastprofessor in Providence, als die Pandemie ausbrach und das Semester abrupt beendete. Inmitten der erregten Diskussionen und Untergangsszenarien erklärte Thomas in aller Gemütsruhe, wichtiger erscheine ihm doch die Frage, ob die Scherbe eines zerbrochenen Gefässes - er las damals mit den Studierenden den Zerbrochenen Krug – weiter ein Teil des Gefässes bleibe, der sich in weitere kleine Teile teilen ließe, oder ob hier nicht eine andere Teilbarkeit im Spiel sei, der alles, was als Teil erscheine, vor jeder Teilung und über jede hinaus ausgesetzt sei, so dass vom Schein der Gegebenheit der Teile nichts bleibe als Scherben - Spuren keines gegebenen, aber auch keines zerschlagenen, Ganzen, nicht seine Teile, nur die Ausstellung ihrer grenzen- und regellosen Teilbarkeit.

Die zweite Erinnerung betrifft einen Ort. Thomas hatte für die Zeit seines Wochenaufenthalts in Providence eine winzige Einzimmerwohnung gemietet. Ich war einmal dort: Der Raum wirkte nicht überfüllt, fast geräumig - Bettstatt, Stühle, Tisch, Bücher, in der Mitte das Geigenpult. Der Raum war die Profanität selbst; nie habe ich einen spirituelleren betreten. Die Zeichen des Lebens und das Leben der Zeichen gingen in ihm, ununterscheidbar teilbar, in- und auseinander. 



Michael Donhauser

Erinnerungen an Thomas

Wir haben uns in Debrecen kennengelernt, Thomas und ich. Es war 1991, und ich war vom österreichischen Lektor zu einer Lesung an der Universität eingeladen. Der Lektor holte mich beim Bahnhof ab und sagte, dass wir abends zu Gast bei seinem deutschen Kollegen seien. Der deutsche Kollege war Thomas, und ich habe an jenem Abend auch Eva sowie Eleonore und Hans-Jost Frey kennengelernt. Sie kamen am nächsten Tag alle zu meiner Lesung, ich las eine Art Langgedicht, in welchem es einen expliziten Bezug zu Francis Ponge gab. Ich war dann, nach der Lesung, so verwundert wie erfreut, dass Thomas den französischen Autor kannte, doch zu einem mir erinnerbaren Gespräch kam es erst am folgenden Tag auf einer Busfahrt. Die Studierenden hatten eine Reise mit einem Stadtbus an die transsilvanische Grenze organisiert, wobei sie abwechselnd an jeder Station mit einer Sehenswürdigkeit einen kleinen Vortrag zu derselben auf Deutsch hielten. Auf der Rückfahrt nach Debrecen kamen Thomas und ich nebeneinander zu sitzen. Unser Gespräch drehte sich um Francis Ponge, doch ich erinnere mich an nichts Inhaltliches, sondern vielmehr an mein Erstaunen darüber, wie gut Thomas unterschiedliche Texte kannte, und daran, dass der Bus einen Defekt hatte. Denn sein Boden begann zu glühen, sodass wir immer noch über Ponge sprechend mit angezogenen Beinen nebeneinander saßen, damit unsere Füße den heißen Boden nicht berührten. Was ich damals nicht wusste und Thomas mir in seiner freundlich zurückhaltenden Art auch nicht verriet, war, dass in demselben Jahr ein Buch von ihm zu Lukrez, Ponge und Hebel erscheinen würde. Das Buch aber ließ Thomas mir dann zukommen.

Viele Jahre später, nämlich 2016, hat mich Thomas nach Providence zu einer Lesung an der Universität eingeladen. Alles war gebucht und vorbereitet, und der Koffer stand gepackt im Vorzimmer, doch ich hatte mich in den Tagen und Wochen zuvor in einem Maß überarbeitet, dass ich am Vorabend meines Fluges von einer solchen Übelkeit erfasst wurde, dass ich noch vor dem Ende des Abendessens das Gasthaus verlassen musste und dann draußen auf dem Asphalt des Gehsteigs saß. Meine Partnerin und ich sind am nächsten Morgen nicht nach New York geflogen, ich habe Thomas eine Mail geschrieben, und seine Antwort war von einer erschütternden Großzügigkeit. Er nahm es hin, er verwandelte mein Fernbleiben in seine sehr eigenen und mir verzeihenden Gedanken zur Abwesenheit.

Einen schönsten Abend der Anwesenheit aber erlebte ich einige Jahre später mit Thomas in Wien, im Gasthaus UBL, wo wir verabredet waren. Wir aßen und sprachen lange, es wurde spät, und wir tranken mäßig. Woran ich mich vor allem erinnere, das ist Thomas' Begeisterung darüber, dass wir in dem Gasthaus sitzen bleiben konnten, willkommen waren, obwohl wir nichts mehr bestellten. Dies sei, so Thomas, in den USA nicht üblich oder gar unerwünscht. Es war eine Freude in seiner Begeisterung, die nicht überschwenglich war, doch von einer Dankbarkeit inspiriert, die mich wiederum mit Freude erfüllte. Thomas wusste damals schon seit mehr als drei Jahren, dass er krank war, doch er setzte sich mit einer Zuversicht über dieses Wissen hinweg, die mich immer wieder beeindruckte. Doch dass die Krankheit dieses Jahr dann fortgeschritten war, schrieb er mir nicht mehr, sondern grüßte mich herzlich in meinen Ausguck, womit er meine Wiener Wohnung im siebten Stock meinte.



Wolfram Groddeck

Zund

Als ich am 30. 12. 2025 die letzte E-Mal von Thomas erhielt, trug sie als «subject» das Wort, die Silbe: «Zund». Ich hatte Thomas 1997 kennengelernt, als ich als Gastprofessor das erste Mal in die USA kam. Vorher hatte mir meine damalige Freundin und jetzige Frau für die Reise ein Buch mit dem Titel «Theorie des Gehens» von Honoré des Balzac geschenkt. Erst später habe ich bemerkt, dass es einen langen Begleittext mit dem Titel «Piedestal» von demselben Thomas Schestag enthielt, zu dem mir dann Werner Hamacher den Kontakt herstellte. Thomas lud mich daraufhin zu einem Vortrag nach Charlottesville ein. Wir verbrachten ein paar schöne Tage zusammen und verstanden uns seitdem wie Freunde. Ich lud ihn später einige Male zu Vorträgen nach Basel und Zürich ein. Seine Bücher hatte ich immer wieder im Zusammenhang mit Gutachten für ihn, den schwer zu vermittelnden genialen Literaturdenker, gelesen - keine gute Voraussetzung für eine kongeniale Lektüre. Ich erlebte dann aber, dass seine Vorträge für mich auf eine beinahe euphorische Weise zugänglich waren. Es war wunderbar, ihm zuzuhören, wie er zum Beispiel über Johann Peter Hebel sprach. Ich kann Hebel nicht lesen, ohne die Stimme von Schestag zu hören. Im privaten Kreis las er uns gerne aus dem «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes» vor. Unvergesslich ist mir die Geschichte von der «Wachtel». Oder die Geschichten vom «Zundelfrieder». Ich kenne keinen anderen Literaturwissenschaftler, der einen solchen subtilen, federleichten Witz und Humor hatte. Die drei Jahrzehnte unserer Freundschaft waren zwar kontinuierlich, aber wir haben uns viel zu wenig gesehen, wie mir jetzt schmerzhaft bewusst ist. In den letzten Jahren nahm der private Kontakt zwar etwas zu, Thomas besuchte uns 2023 mit seiner cellobegeisterten Tochter Talu für mehrere Tage in Paris, und ein Jahr später mit seiner Frau Catherine und Tochter Talu in Basel. Danach gab es nur noch Schriftkontakte mit versteckten schlechten Nachrichten zu seiner Gesundheit. Der letzte war die E-Mail vom 30. Dezember 2025, in dem er mir seinen Fund zu seinem geliebten «Zundelfrieder» mitteilte: «Zund» bedeutet «geheime Nachricht».



Marco Baschera

Worte wie Blumen

Ich habe Thomas 1980 in Paris in einem Seminar kennengelernt, das Jacques Derrida an der École Normale Supérieure für eine verlesene Schar von Student:innen aus den USA anbot. Thomas trug damals einen Text vor über den berühmten Ausspruch von Carl Schmitt in der «Politischen Theologie», gemäss welchem «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.» Schon damals beschäftigte ihn die Frage des Namens und der regellosen Aus-nahme, die dieser in einer Rede oder einem Text spielen kann. Tmesis - das Schneiden und Auftrennen der Wörter - spielte dabei eine entscheidende Rolle oder, wie Thomas später sagte: «den Namen zerreissend und vom Namen zerrissen». Wir besuchten zusammen ein Jahr lang jeweils am Montagmorgen den Louvre, wobei ich mich sehr gerne an die vielen intensiven Gespräche erinnere, die wir vor den Bildern geführt haben. Aus diesen Begegnungen entstand eine lange Freundschaft. Ich besuchte ihn in Berlin und in Strassburg. Die Zeit von 1986 bis 1988 verbrachte Thomas in Zürich, wo er in der Komparatistik bei Hans-Jost Frey promovierte. Auch da erinnere mich gerne an die vielen Gespräche über Benjamin, Derrida, Heidegger, Hölderlin und viele andere Autor:innen.

In einem Werner Hamacher gewidmeten Text sagt Thomas über die Freundschaft, sie sei eine «Gesprächsgemeinschaft», in welcher diese eine «unverortbare Mitte» ausmache. Unsere Freundschaft blieb über viele Jahre, die Thomas in Debrecen, Frankfurt und später den USA verbrachte, erhalten, wobei sich das Gespräch auf den Austausch und die Lektüre von eigenen Texten via Internet verlagerte. Geblieben ist mir in den Lektüren vor allem seine singuläre, nicht nachahmbare Art des Schneidens, die versucht, die Regellosigkeit des Teilens der Buchstaben und Wörter mit einer möglichst nachvollziehbaren Präzision der Schnitte zu verbinden, sodass die Worte aufgehen wie Blumen, um jeweils aus ihnen einen unerhörten, neuen Sinn zu entfalten.



Csaba Szabó

«Es ist alles anders»

1995 endete die Anstellung von Thomas Schestag als DAAD-Lektor in Debrecen, wo ich sein Student sein konnte, wo er so oft bereit war, auch nach den Seminarsitzungen lange über einzelne Gedichte zu sprechen. Ende als Anfang. Wir verabschiedeten uns voneinander unter anderem mit der Idee, einmal einiges von zwei ungarischen Dichtern, Mihály Babits und Attila József, gemeinsam ins Deutsche zu übersetzen. In den vielen Jahren, die seitdem vergangen sind, hat er auch diese Vorhaben nicht vergessen. Vor ein paar Jahren schickte er mir unerwartet Nicolas Abrahams Übersetzung einiger Gedichte von Attila József ins Französische, die er neu aufgefunden hatte. - So, immer wieder die «geteilte Aufmerksamkeit», die überraschende, weil immer auf neue Weise sich zeigende und sich als solche verhüllende Freigebigkeit von Thomas, immer. - - Imme, Du. Immens. «Íme».

2023, in Budapest, als Thomas wieder nach Ungarn kam, um an der Konferenz «Allegories of Breathing» teilzunehmen, kaufte er sich ungarische Bücher, obwohl er wiederholt sagte, er könne kein Ungarisch. Aber wer weiß? Und wer kann Ungarisch, oder eine andere Sprache? Was heißt eine Sprache zu können? (Wer fragt so? Du, Thomas. Dann aber auch: Wem gehört, gehört einem eine Frage, im Gespräch?) Ich bin mir sicher, dass Thomas auch in den ungarischen Büchern, die er sich in früheren Jahren oder 2023 besorgt hatte, irgendwie las, lesen konnte; anders als alle anderen, die meinen, Ungarisch zu können oder nicht zu können. - Ich erzählte ihm früher, wie kritisch ich eine ungarische kritische Ausgabe des Dichters Attila József bewerte. Er blieb dann für einige Stunden allein in der Stadt; und dann kam er mit mehreren ungarischen Büchern in einer Tüte: unter anderem mit der kritisierten kritischen Ausgabe. Sein «spizbübisch [...] / Lächeln» dabei. - Immer wieder plötzlich eine Geste von Thomas, so dass man lächeln oder lachen musste. Und ähnliche Gesten auch in seinen Texten.

«Alles - anders»: wie es am Ende seines Buchs Parerga heißt, ein Ende als Anfang, ein letztes Wort, das sagt, dass es kein letztes Wort gibt, indem er ein erstes und letztes Wort eines letzten Satzes von Benjamin zitiert. - Wie er die «reine Sprache» freisetzt, die keine ist, die aber teilt, alles und jedes Wort und -bruchstück, jeder Sache, unvergleichlich. - - Deine Teilnahme, die bleibt, Thomas, an allem, anders.



Felix Christen

Zu Thomas Schestag

Sprach ich mit Thomas Schestag, sprachen wir zumeist von Hebel. Uns verband die eigentümliche Liebe zu einer Prosa, die auch noch diejenige Goethes in den Schatten stellt. Nur schien es manchmal, als wisse Letzteres kaum jemand. Das Schatzkästlein ist ein Buch über den Schatz der Sprache. Aber «über» ist, wie Schestag umgehend bemerkt hätte, schon falsch. Also noch einmal von vorne. Dieses Immer-neu-Anfangen, mit der Sprache anfangen, so als wisse man nichts - und wir wissen ja noch nichts -, nannte Thomas Schestag Philologie. Sie beschränkt sich nicht auf das Studium der Literatur. Sie betrifft auch die Welt, die Dinge und verwandelt sie. Diese Philologie kommt zu keinem Ende. Es war denn auch Thomas Schestag, der mir das Wort «letztlich» abzugewöhnen suchte. Denn so freundlich und überaus witzig er im persönlichen Umgang auch war - zuweilen war er ein großer und nur insgeheim gelehrter Komiker, dessen Anekdoten, obschon erlebt, von weit her zu kommen schienen -, so unbeirrbar kritisierte er, was ihm schlecht gedacht, schlecht geschrieben vorkam. Bei unserem letzten Austausch im Frühjahr gab er mir seinen Text zu Kants Entwurf «Zum ewigen Frieden» zu lesen und bat mich, ihm einen unlängst gehaltenen Vortrag zu Hebel zu schicken. Ich zögerte, weil mir das, was ich geschrieben hatte, noch zu unvollständig, zu strategisch, zu wenig denkend vorkam, und antwortete ihm, ohne ihm das Manuskript des Vortrags zu senden, ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen. Wenn nicht in Falun, dann vielleicht immerhin in Paris. - Es gibt nie abgeschickte Texte und es gibt unfertige Texte. Die einen werden bald zu schwer für die Welt und müssen vergessen gehen. Die andern bleiben immer unfertig und begleiten uns wie angefangene Gespräche durch das Leben und den Tod.



Brigitte Oleschinski

zur Unzeit für Thomas Schestag

nie ist bei mir die richtige Zeit, um eine Lektüre aus dem Augenwinkel genauer aufzunehmen, immer stolpern beim ersten Versuch schon zu einem klaren Satz die Assoziationen übereinander, deren idiosynkratische Anteile alle lange Ketten von Voraussetzungen, Abschweifungen, Nebenspuren, Anekdotischem enthalten, ehe sie überhaupt so etwas wie einen Gegenstand streifen, und mehr als einen, beziehungsweise bis sie ein gemeinsames Feld von Lektüren erreichen, und noch habe ich nichtmal einen Namen gesagt, ich kannte ihn doch gar nicht persönlich, begriff auch sein akademisches Sprachgebiet nicht in der über- wie unterirdischen Dichte, die er darin zu entfalten imstande war, sich von Silbe zu Splitter, Wortwurzel zu Satzgliedern, Sprunggelenk zu Flugbahn vorantastend, ich sprang und springe doch immer nur ein paar Sätze weit, wenige Seiten - draußen fegt ein frühherbstlicher Sturm durch die flatternden Bling-bling-Bänder der Taubenabwehr, zwischen denen unverdrossen die immer wieder lichtgrün aufgeschossenen Gräser zittern -, erlaubt, entlaubt, lauter Anstreichungen, aus denen ich sehen kann, wie ich mich auf die Spur seiner Fragen habe setzen wollen, spreiz- und knick- und bloßfüßig durch dieses so genau ausgebreitete diakritische Material stakend, es ging und geht ein gültiger Trost davon aus, aber jetzt verflüchtigt er sich schon wieder vor meinem abgelenkten Fallschritt, und ihn, wie ich ihn überhaupt nicht persönlich kenne, stelle ich mir vor mit einem dort oben sofort vorgefundenen Wolkenstift, wie er zwischen die Wolkenblätter kritzelt, seine unabschließbaren Lektüren flattern weiter so, jetzt vielleicht lichtblau



Frank Ruda

Freunde werden

Das letzte Mal, dass ich mit Thomas Schestag dachte, führte uns in den Anfang von Hegels Logik. Wir beide, in je anderer Weise, betonten, dass Hegels Denken des Entstehens und Vergehens, des Werdens, statt hat, bevor die Kategorie des Werdens erreicht wird. Liest man also die Logik zum ersten Mal, liest man ein Werden des Werdens. Wir dachten daher über ein Werden nach, das jedem Werden vorhergeht. Mit Thomas in diesem Moment zu denken, meinte, ganz buchstäblich, für mich, einen Anfang zu denken, einen Anfang des Anfangs. Wir hatten uns versprochen, Freunde zu werden. Darauf werde ich warten



Theresia Prammer

Lesbar gewordene Existenz

Anders als bei hinterlassenen, papierenen Briefen, deren anrührende Patina wie gemacht scheint, um den Protest des Überlebens gegen das Ableben zu verkörpern, stehen bei E-Mails oder SMS-Nachrichten von Verstorbenen die Reaktionsgeschwindigkeit der elektronischen Kommunikation und die Unveränderlichkeit des Todes in einem irritierend unstimmigen Verhältnis. Konstitutionell unruhig, dringlich-tuend, immer nach sofortigen Antworten heischend, streifen die Mails den Charakter des Unerledigten nicht ab, auch wenn es gar nichts mehr zu «erledigen» gibt. Indem sie das Ausbleiben einer Antwort monieren, sich selbst aber weiterhin als Ausrufezeichen präsentieren, scheinen sie den Tod sogar zu verhöhnen. 

Thomas Schestags letzte Mails, die ich nun in den Händen herumwende, als wäre eine Antwort daraus zu gewinnen, drehten sich um eine Übersetzung, die ein Essay war, um einen Essay, der eine Übersetzung war, und entstanden im Zusammenhang mit einer Veranstaltung zu Dante in Berlin im Jubiläumsjahr 2021. Schestag war, so die Verabredung zwischen uns beiden, angetreten, um den Canto Paradiso 11 - Dantes eigenwillige Hagiographie des Heiligen Franziskus, der eine Ehe mit der Armut eingeht - zu «übersetzen». Seine Übersetzung, die vielleicht eine Interlinearübersetzung, vielleicht eine Nicht-Übersetzung war, begann mit den Worten «Was heißt Lesen?» Diese drei Wörter haben nicht aufgehört, in mir weiterzuarbeiten und heute bin ich zu der Einsicht gelangt, dass sie überhaupt nicht anders lauten könnten. Denn es ist die Frage, die den Philologen ein Leben lang begleitet hat und die er, man darf es vielleicht so sagen, mit seinem Leben beantwortet hat. Denn Thomas Schestag war ein Leser. Er war ein Leser, wenn er las, und mehr noch war er ein Leser, wenn er schrieb. Sein Lesen war ein übersetzendes, mitschreibendes Lesen; ein Weiterlesen an einem «unendlichen Text» (Hans-Jost Frey). Und sein Schreiben war lebendige Paraphrase, die dem Nach-denken des Lesers entsprang. Jedes Wort wollte gewogen werden und die Worte ihrerseits verwoben zu einem Ganzen, das Netze bildete, Ganglien, Vertiefungen und Ausstülpungen; jedem Satz musste nach-gedacht werden, seine Funktionsweisen gleichsam imitierend: «Guardando nel sul Figlio con l'Amore» [Schauend auf seinen SOHN mit LIEBE]. Dieses Anschaun liebt - und skizziert eine eigentümliche Philo-logie - im Sohn das Wort: Figlio-logieFiglio und Amore werden, aus der Nähe zum Echo der Philo-logie, so über Kreuz zueinander verhalten, daß in der Figlio-logie (in deren undurchsichtiges Zeichen die erste Zeile die folgenden Gesänge rückt) die Liebe, der Sohn und das Wort, unscheidbar voneinander, aber unvereinbar miteinander, ineinanderspielen (und unter der Hand den Dichter an die Stelle - ohne Stelle - des Padrerücken, der an dem, was er (als Leser seiner rime) schaut, Gefallen findet).» («Armes Lesen») 

Das sind typische Schestag-Schachtelsätze, deren singuläre Herangehensweise sich ungefähr so skizzieren ließe: Da ist jemand am Werk, der sich in dem, was er aufschließt und beschreibt, zugleich aufhält; einen Raum um sich erzeugend, in dem er Gedachtes ablegen, Abgelegtes wiederfinden kann. Lesend und auflesend breitet er die - lexikalischen, grammatikalischen, musikalisch-metrischen, typographischen, etymologischen, morphologischen - Koordinaten einer Reflexion vor sich aus; bezieht Gelesenes auf Verinnerlichtes, aber auch Inwendiges auf zu lesendes. Schreibend und mitschreibend baut er sich Brücken, um der Interpretation spekulativ auf die Sprünge zu helfen. Einmal am anderen Ufer angekommen, blickt er zurück und kann sich vom Ausgangspunkt doch nicht trennen. Augenfällig, fast schon demonstrativ, isoliert er Wörter und Wortteile («philo-logie»), seziert sie sorgfältig, schiebt Klammern ein, um sie genauer ins Auge zu fassen, bohrt innerhalb der Klammern weiter. Durch Kursiva, die er einrichtet wie ein Beleuchtungstechniker, markiert er jene Passagen, die einen Teil ihrer Strahlung noch abgeben müssen. Niemals hört er auf, ein Wort zu betrachten, ehe es sich nicht in all seinen Aspekten gezeigt hat. Aber dass es sich zeigt, bedeutet umgekehrt nicht, dass es nicht auch etwas verbirgt oder zu verbergen hätte, und genau hier findet Schestags Spürsinn sein faszinierendstes Betätigungsfeld. Indem er auf die Wörter deutet, tippt er ihre Bedeutungen an; indem er sie antippt, lotet er ihre Hallräume aus, testet Echoeffekte. So gelangt er einerseits zu einer Art aufzählenden Vollständigkeit - etwa wenn er die Wörter ElendsSeele etc. aus dem Lesen gewinnt, als ginge es darum, wie Dante sich ausdrückt, aus «aus dem Begriff den Saft herauszupressen». Andererseits fügt er dem Untersuchten stets neue Bedeutungs-Projektionen hinzu. In diesem Erstellen verbaler Röntgenbilder war Schestag so unnachgiebig und absolut, wie er im Assoziieren originell und unorthodox war; die Beliebigkeit fürchtend, ohne ihr jemals ganz zu entgehen. Das schien aber auch nicht das Problem, denn die poetischen Landkarten, die Schestag vazierend und interpretierend aufspannte, trafen sich irgendwo mit dem Möglichkeitsraum eines Gedichts, wobei es eben auch manchmal der «schwindligen» Hypothesen, der improvisierten Verkleidungen bedurfte, um der idealen Anordnung der Silben, Wörter, Sätze und Absätze näherzukommen. «Ich habe spät erkannt, daß dies eine entscheidende Voraussetzung eines dichterischen Werkes ist: Ein mehr oder weniger begrenzter Vorrat an Mitteln, an Direktiven, die zueinander gehören und zwar in einer Struktur, die einen Prozess in Gang setzt», heißt es bei Elke Erb. Legt man einen solchen Maßstab an, lässt sich Schestags detailverliebte, gleichsam entomologische Heuristik ohne Zweifel als «dichterische» bezeichnen, aber ebenso gut möglich wäre, dass diese Genrezuschreibung das Problem banalisiert.

Für uns Weggefährten jedenfalls ist von Schestags (Lumpen-)Sammlerleidenschaft sehr viel abgefallen. Und jetzt, wo die verfügbare Lese- und Lebenszeit gnadenlos dahinschrumpft, bedaure ich, seinerzeit nicht mehr, nicht alle von Schestags Versuchen verschlungen zu haben - wohl von der akademisch deformierten Überzeugung abgehalten, die Lektüre von einem unmittelbaren Erkenntnisaspekt aus fruchtbar machen zu müssen. Aber das war ein Irrtum. Denn in dem Maße, wie Schestags Lesen das Schreiben als Hypothese enthielt; und in dem Maße, wie Schestags Schreiben, Fährtenschreiben, das Wagnis des «ungesicherten» Lesens nicht aus der Reflexion verbannte, scheint mir seine Praxis nach einem Zugang zu verlangen, der den «Gegenstand des Lesens» sowohl innerhalb als auch außerhalb der literarischen Werke sucht und dabei auch nicht pikiert ist, «wenn Abfall zum Gegenstand des Lesens wird». Und je weniger man, Schestag lesend, davon getrieben war, etwas «behalten» oder «mitnehmen» zu müssen, desto reicher wurde man beschenkt. Teilen war Mitteilen; Mitteilen war teilen. So lese ich Schestags zarten Essayismus, sein schreibendes Lesen und auflesendes Schreiben, auch als energischen Einspruch gegen den Output der Automatensprachen, der dem Sammeln als Auflesen abschwört und das Lesen - «armes Lesen» - seinem raffgierigen Automatismus einverleibt.  Aber es gibt Hoffnung. Denn selbst wenn das Autodafé der Schriftkultur sein Tempo beibehält und sämtliche fruchtbare Böden einer nicht ertrag-orientierten Lese versiegelt, wird immer noch ein Schestagsatz da sein, der sich zum herrschenden Algorhythmus querstellt, subkutan ausbreitet und an eine Ethik des Lesens erinnert, deren unveräußerlicher, in gewisser Hinsicht sogar unverdauerlicher Kern in allen Büchern des Autors zu finden ist.

Schestag, dessen philologische Methode wohl in keiner Sprache so gut aufgehoben ist wie im Deutschen, lebte seit vielen Jahren in Portland (USA) und ich kann mir vorstellen, dass es bei ihm mit Adornos Satz «Wer keine Heimat mehr hat, dem wird wohl gar das Schreiben zum Wohnen» eine gewisse Bewandtnis hatte. Freilich, für seine Freunde und Gesprächspartner war Schestags Weggang aus Europa ein schwerer Verlust, denn seine immer zugewandte und kollegiale Präsenz fehlte allenthalben und war durch nichts zu ersetzen. Seinen Kolleginnen und Kollegen gegenüber legte Schestag eine lautere Aufmerksamkeit an den Tag; immer las er neugierig mit, auch wenn die Herangehensweisen der seinen vielleicht entgegengesetzt waren. Gleichwohl mit eleganter Zurückhaltung begabt, konnte er auch ungemein gesellig, ja übermütig sein. Ich denke an eine nächtliche Episode in einem Hotel in Lana anlässlich des dort alljährlich stattfindenden Literaturfestivals: Alle Lokale im Ort waren geschlossen und man kam im Hotelflur zusammen, wo eine Autorenkollegin vergeblich versuchte, mit der Schlüsselkarte die Hotelzimmertür zu öffnen, vermutlich, um an die Getränke in der Minibar zu gelangen. Aber wie sie die Karte auch drehte und wendete, sie sperrte sich gegen das Funktionieren und die Tür wollte nicht aufgehen. Wir haben Tränen gelacht. Was war daran eigentlich so erheiternd? Wahrscheinlich die Evolution der Karte selbst, die sich nicht einmal mehr die Mühe machte, die Hardware eines Schlüssels zu imitieren und die Probe zudem nicht bestand. Alkohol spielte eine Rolle, Müdigkeit, überdrehte Gemeinschaftlichkeit, Vorfreude auf den nächsten und wiedernächsten Tag, an dem die Auszeit noch anhielt, die Ausflugsstimmung durch nichts getrübt werden konnte. Sollte es immer so weitergehen? 

Das war im Jahr 2001. Als Schestag 2021, zwanzig Jahre später, zu meinem Dante-Festival nach Retz (Niederösterreich) gekommen ist, dachte ich freudig-melancholisch: Jetzt schließt sich ein Kreis! Nun hat er sich ganz geschlossen. Aber das Minimalpaar Lesen und Leben, das der Autor am exemplum des Heiligen Franziskus exerzierte, ist mir noch nie so einleuchtend erschienen wie jetzt, anhand seiner gelebten - und nun lesbar gewordenen - Existenz.



Urs Engeler

Bücher machen

Eva Schestag schreibt mir, dass Thomas am 26. August in einem Krankenhaus in Portland gestorben ist. Sie schreibt mir auch: «Ich erinnere mich noch, als Thomas mir eine Zeile aus Deinem ersten Brief an ihn vorlas: Ich möchte ein Buch mit Ihnen machen.»

Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch bei Eva und Thomas, in Laufen, nahe bei Salzburg, vor über 30 Jahren. Ihr Sohn hat einen Kruppschen Hustenanfall, Eva und Thomas gehen mit ihm ins Spital und lassen seine kleine Schwester in meiner Obhut. Die Nacht verbringe ich wach, in Thomas Arbeitszimmer, umgeben von den Büchern seiner Bibliothek. Da ist alles, was Literatur ist, von der Antike bis in die Gegenwart, Latein und Griechisch, Deutsch, Französisch und Englisch, Italienisch und Ungarisch, und ich weiß: Selbst wenn ich alle diese Sprachen lesen könnte, niemals werde ich alle diese Bücher lesen können. Dafür fehlt es mir an Geduld und Ruhe. Ich weiß auch: Wollte ich mein Studium fortsetzen, wollte ich doktorieren und vielleicht einmal habilitieren, müsste ich das alles gelesen haben. In dieser Nacht, in der Gegenwart der Bücher von Thomas Bibliothek, entschied sich mein Lebensweg: Ich werde die Universität verlassen, ich werde Bücher machen.

Ich habe Bücher gemacht, einige davon mit Thomas, viele unter seiner großen Anteilnahme. «Ich gehe oft», hatte er mir geschrieben, «bewundernd im Grasgarten, der großartigen Bücher wegen, die aus ihm aufblühn.» Meine Bücher sind Teil von Thomas Bibliothek geworden.

Und wenn ich in Gesprächen zu klagen begann, wie schwer es ist, Leserinnen und Leser für diese Bücher zu finden, sagte Thomas: Kümmere Dich nicht drum. Lass Dich davon nicht kränken. Wichtig ist nur, dass diese Bücher gemacht werden. Auch wenn niemand sie liest, mach sie.

Daran halte ich mich.