| Christiane Schmid Zu "Inannas Gang in die Unterwelt" "Inanna" ist eines der ältesten erhaltenen literarischen Werke der Menschheit und steht uns heute überraschenderweise dennoch näher als den Generationen vor uns. Denn die Dichtung, die den Topos der "Höllenfahrt" begründet und in der sich sogar Anklänge an die katholische Karfreitagsliturgie finden, eröffnet gewissermaßen nebenbei Einblick in eine diverse Gesellschaft. Verschiedene Sprachen, Kulturen und Geschlechtsidentitäten lebten im Land Sumer friedlich zusammen. Bezeichnenderweise sind Inannas Retter in der Unterwelt zwei Transvestiten. Auch in der Heimatregion des Mythos, dem heutigen Irak, ist Inanna nach 3000 Jahren noch immer präsent. Als eine der wichtigsten Göttinnen der Liebe, Fruchtbarkeit, Wiedergeburt und Macht lebt sie für die Frauen, die heute um ihre Rechte kämpfen, als Leitbild fort. Angesichts dieser Aktualität verlangte die Erzählung selbst nach einer zeitgemäßen Form. Begleitet von Assyriologen verfolgte Károly Koller das zunächst unmöglich erscheinende Ziel, bei möglichst wortgetreuer Übertragung ins Deutsche den alten Text mit den Mitteln zeitgenössischer Lyrik für die Gegenwart zu erschließen. Das führte ihn zu einer experimentellen, aber durchaus nachvollziehbaren Sprache, die versucht, im deutschen Sprachduktus einem lebendigen Sumerisch nahezukommen. Die optisch gestalterischen Methoden der konkreten Poesie machten den Rhythmus der Verse, der mit dem Klang der Sprache verloren ging, sozusagen "sichtbar". Es ist ein faszinierendes Leseerlebnis, die verschiedenen Stimmen zu verfolgen, wenn man sich auf das spannende Experiment einlässt. Károly Koller ist in der Oberpfalz aufgewachsen und fand dort in den Jurahöhlen das Thema, das ihn nie wieder loslassen sollte. 2000 erschien in der edition Lichtung sein Lyrikband "Nachtkarst", in dem er seine eigenen Erlebnisse unter Tage verarbeitete. 2001 schrieb er das Libretto für Helga Pogatschars Oper "The Huluppu Tree", das bereits auf dem sumerischen Inanna-Originaltext basierte, den er jetzt, nach 25-jähriger Arbeit, als Buch vorlegt. "Kaum ein Viertel-Jahrhundert" sei das gewesen, betont Koller, denn: "Was ist schon ein Vierteljahrhundert angesichts der Jahrtausende, die uns von der Zeit Inannas trennen?" Besprechung zu Inannas Gang in die Unterwelt. Nachdichtung aus dem Sumerischen von Károly Koller |