Florian Höllerer

Laudatio auf Ulf Stolterfoht
zum Anna Seghers-Preis 2005
Potsdam, 19. November 2005
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Sehr verehrte Damen und Herren,

1988 veröffentlichte der argentinische schriftsteller juan filloy unter dem titel «karcino» eine sammlung von palindromen, der er mit «tratado de palindromía» eine theoretische abhandlung vorangestellt hat, die in 41 abschnitten versucht, licht in die verzwickte palindromitische sache zu bringen. diese kleinen einheiten habe ich mir, ohne spanisch zu sprechen und weniger mit hilfe des wörterbuchs als der anklangs-maschinerie, ins deutsche geholt und gemäß den regeln des häckselns bearbeitet,

schreibt Ulf Stolterfoht – im ABSPANN seines jüngst erschienenen traktats vom widergang, ausgehend eben vom tratado de palindromía von Juan Filloy. Juan Filloy kennt man in Deutschland fast nur durch seinen 1938 geschriebenen und auf deutsch erst vor drei Jahren erschienenen Roman Op Oloop, er starb im Jahr 2000 im Alter von 105 Jahren. Stolterfoht beschreibt mit den zitierten Sätzen ein Übersetzungsverfahren, das anklanggesteuert ist, zugleich übermütig, eingreifend, dreinredend: eine Spielvariante von stiller Post, gut am Platze an einem Abend, da Lateinamerika und Deutschland sich – der Literatur sei Dank, Anna Seghers sei Dank – so wahlverwandtschaftlich verbunden sind.
Sie glauben zu wissen, was ein Palindrom ist: Der Duden gibt Rentner als Beispiel oder Leben/Nebel: Worte, Wortfolgen, Sätze, die vorwärts wie rückwärts gelesen den gleichen Sinn ergeben (Rentner), bzw. die vorwärts wie rückwärts gelesen überhaupt einen Sinn ergeben (Leben/Nebel). Wie verzwickt die palindromitische Sache sein kann, wissen Sie erst nach Filloys, respektive Stolterfohts 41 Trakatabschnitten, zum Beispiel:

(11)
UNTERSTREICHE DEN MEHRWERT des spaniol im kauder-
widergang. denn dafür taugt es wohl, auch ist es berechenbar
hiesig im fug. tauge, die sich in intensiver suche zeigt, im er-
forschen des wortmaterials. tauge des staunens, allerdings nicht
mit konkretem lektüre-abstamm, ehestens aufprall, mit welchem
man sich schließlich zur gänze entwelscht – die rückschritte des
widergangs klingen während der lesung besonders bedrohlich.

Was bleibt einem im Kopf? – Der «MEHRWERT» im ersten Satz («UNTERSTREICHE DEN MEHRWERT des spaniol im kauder-/ widergang»), die Bedrohlichkeit im letzten Satz («– die rückschritte des / widergangs klingen während der lesung besonders bedrohlich.»). Vom «erforschen des wortmaterials» war die Rede. Ebenfalls vom «konkreten lektüre-abstamm», der zurückgewiesen wird, zurückgewiesen zugunsten des «aufpralls», «aufprall, mit welchem / man sich schließlich zur gänze entwelscht.»
Vieles davon – «aufprall», «MEHRWERT», «bedrohlich» – spiegelt sich auch in Stolterfohts Titel wieder: traktat vom widergang. Was ich Ihnen bis hierher verschwieg: Stolterfohts widergang (also seine Übersetzung von palindromía – Palindrom) schreibt sich nicht mit ie, sondern mit einfachem i. Zwar schwingt die Wiederholung, die Doppelung, das palindromitische Vorwärts und Rückwärts weiter im «widergang» mit. Das einfache i indes entlarvt die Harmonie und Symmetrie des Vor und Zurück als Trugschluss. Es markiert das Widerhakige, das Gegenhaltende, eben den «MEHRWERT», das Bedrohliche und den «aufprall»: den «aufprall» zweier Leserichtungen innerhalb des Palindroms sowie den «aufprall» von Palindrom und Sprachumgebung.
Sehen Sie: Verzwickt ist die palindromitische Sache. Noch verzwickter wird sie dadurch, dass der Stolterfohtsche «widergang» das eigene übersetzerische Verfahren spiegelt. Denn auch der traktat vom widergang als Ganzes ist gegenüber Juan Filloys Original nur auf den ersten Blick ein 'Wiedergang' im Sinne von Wiederholung und Doppelung, seine wahre Kraft entfaltet er indes als 'Widergang' im Sinne von Aufprall und Widerstand. Über die Bedeutungsebene setzt der Übersetzer sich demonstrativ hinweg, zugunsten des Klangs: «diese kleinen einheiten habe ich mir, ohne spanisch zu sprechen und weniger mit hilfe des wörterbuchs als der anklangsmaschinerie, ins deutsche geholt«. Ungeschoren kommt – neben der Semantik – auch die originale Syntax nicht davon: «gemäß den regeln des häckselns» hat Ulf Stolterfoht Juan Filloys Text bearbeitet.
Klanggesteuert, bedeutungsleicht, gehäckselt gewinnt die Bildsprache der Übersetzung eine anarchische Eigendynamik. Und so gelesen führt uns der «widergang» ins Zentrum des poetischen Verfahrens Ulf Stolterfohts. –
fachsprachen ist dieses Verfahren überschrieben, erschienen in drei Bänden: fachsprachen I-IX (1998), fachsprachen X-XVIII (2002) sowie fachsprachen XIX-XXVII (2004), über fünfzehn Jahre Arbeit. Und wo wir schon bei Daten und Fakten sind: Der Autor dieser Bände wurde 1963 in Stuttgart geboren und lebt in Berlin.
«wie schon in fachsprachen I-IX kamen auch diesmal nur wenige Gedichte» – so Stolterfohts Kommentar zum Ende seines zweiten Bandes – «ohne fremde Hilfe aus«. Und was dem traktat vom widergang sein tratado de palindromía ist, sind den fachsprachen-Gedichten, Sie ahnen es, die Fachsprachen: Stolterfohts Lyrik ist unterspült von Fachliteratur aller Art, psychiatrischer wie geologischer, von Werken über Radiotechnik bis hin zu VEB-Anweisungen zur Schweinezucht. Auch eigene frühe unveröffentlichte Gedichtentwürfe kommen hinzu, überhaupt viel Literatur, viel Sprachwissenschaft, viel Philosophie. Auf dem Buchrücken des dritten und wohl auch letzten fachsprachen-Bandes wird der Wissen-schaftler Walther von Hahn mit der Ansicht zitiert, dass «'Fachsprache' eben nicht eine stille linguistische Nische sei, in der reduzierte Anforderungen an Methode und Innovationstempo gestellt würden, sondern daß dies ein auch heute noch unüberschaubares Gebiet moderner angewandter Sprachwissenschaft sei, in dem alles andere als Beschaulichkeit walte.» Beschaulichkeit waltet auch bei Ulf Stolterfoht nicht. Nicht nur Fachsprachen aller Art, unterschiedlichste poetische Experimente überhaupt, gewuchert über Jahre, haben unter dem Deckmantel fachsprachen ihren Platz gefunden.
Konstanten gibt es dennoch. Die eigenwilligste und kraftvollste ist die Stolterfohtsche Langzeile: Lang war sie schon immer, aber unmerklich gewann sie von Gedichtband zu Gedichtband an Länge. Sie zwang die Bücher in die Breite und ließ jedes Din-Format kapitulieren, zuletzt auch – sehr eindrucksvoll – in der Übersetzung von Gertrude Steins Erzählgedicht Winning his Way – wie man seine art gewinnt. Großen Anteil an der Macht der Langzeile hat der Stolterfohtsche Satzbau, der einen stakkatohaften, prägnanten, ja suchtgefährlichen Rhythmus entstehen lässt. In einem Radio-Gespräch mit Guido Graf (2002) spricht Stolterfoht von einem «antisemantischen Grundimpuls», der dazu führe, «dass die Struktur des Satzes tatsächlich zum Bedeutungsträger» werde. Auch in den Gedichten selbst wird dies immer wieder Thema, so in fachsprachen XII (6):

häufig höre ich sätze ohne genau zu verstehen
was sie bedeuten. eher was läuten wie: wespen
erleichtern die wahrnehmung. kissen federn sie

ab / könnten sie polstern. die empirische liege.
sich einrichten darauf. matrizengruft. ich habe
mich aus gutem grund: nie über gebühr vom verlags-

haus entfernt. […]

[A propos Verlagshaus: Ich hatte Ihnen noch nicht gesagt, dass Ulf Stolterfohts Gedichte im Verlag Urs Engeler erschienen sind.] Wie schon im traktat vom widergang zieht die Bedeutungssuche gegen die «anklangsmaschinerie» den Kürzeren: «häufig höre ich sätze ohne genau zu verstehen / was sie bedeuten. eher was läuten wie: wespen / erleichtern die wahrnehmung.»

Es kommt noch etwas hinzu. Stolterfoht legt, in dem erwähnten Gespräch mit Guido Graf, selbst den Finger darauf:

Wenn ich mir die Sachen selber anguck, manchmal kommt man da nicht drum rum, dann gibt es ja auch Gedichte, die mir besser gefallen und manche gefallen mir weniger gut. Und die Sachen, die mir im Nachhinein am besten gefallen, sind dann schon die, wo ich selber die Emphase irgendwo sehe oder spür. Wo ich merk, da geht es vielleicht schon über das Jonglieren hinaus. Wenn ich so was sag, dann stech ich mir damit selber in den Rücken, aber es ist irgendwie so.

Tatsächlich möchte man – mit einem Hauch Sadismus – genau diese Momente, in denen der Autor sich in den Rücken sticht, am wenigsten missen. Der «antisemantische Impuls» wird bei Stolterfoht weit getrieben, ein Impuls, der ja in der Geschichte der modernen Lyrik und Lyriktheorie vielfach verwurzelt ist und der in letzter Konsequenz den Autor hinter seinem Text auslöscht. Der «antisemantische Impuls» wird weit getrieben und geht doch, Mal um Mal, vor der Emphase des Autors in die Knie: Vor seiner politischen Emphase, vor Liebes-Emphase, vor der Alltagssorgen-Emphase. In diesen Momenten, in denen Konsequenzen und Inkonsequenzen des poetischen Programms sich in die Quere kommen, entwickelt Stolterfohts Lyrik eine nervöse, unheilbare Gespanntheit, die das Lesen zu einem rauschhaften Ereignis werden lässt. Der «aufprall» von Einlösung und Uneinlösbarkeit der eigenen Ästhetik passiert im Gedicht, zugleich wird im Gedicht über ihn nachgedacht, so zum Auftakt des dritten Bandes, in fachsprachen XIX (1):

genießen sie seiten gestischen schreibens wie beispielsweise:
andere können immer schön arbeiten und publizieren – ich
darf bestenfalls erledigen. seit wochen etwa klebt bei mir ein
arbeitsloser was ich zerschnitten und verzettelt habe. durch-
ackerungszwang. das nennen manche dann kunst. ich nenn

es: pausen plotten schrotten. im besten falle andocken. tor-
nisterweise theorie. rockenphilosophie. man war es leid ein
eselchen zu sein. wollte auf ganz spezielle (experimentelle)
art selbst wort werden. das ging aber nicht bzw. stellte sich
rasch als fehler heraus. was lernen wir daraus? schwenk.

Seinen analytischen Blick, so wird deutlich, verbindet Stolterfoht mit einer eigenwilligen Form der Ironie, die, folgt man Stolterfohts Gespräch mit Guido Graf, gar keine Ironie ist, sondern ein «zwanghaftes Dementieren»: «Ich glaube, dass das mit der Ironie gar nichts zu tun hat, es geht darum, Sachen permanent zurückzunehmen.»

«[…] Was ein Künstler zurücklässt, ist kein vergrabener Schatz. Es liegt allen offen. Es setzt Gedanken in Umlauf, die niemals abbrechen können. Es wirft Fragen auf, die kein einzelner allein lösen kann, nicht einmal seine Generation. Wir werden weiter an verschiedenen Enden der Welt über die Antworten grübeln müssen,» schreibt zur Abwechslung nicht Ulf Stolterfoht, sondern Anna Seghers, 1946 in Mexiko. Sie schreibt es über Heinrich Heine, zu dessen Matratzengruft – Sie erinnern sich schwach – schon die «matrizengruft» aus meiner ersten fachsprachen-Probe hinübergrüßt. Sowohl Gertrude Steins Erzählgedicht Winning his Way als auch Juan Filloys Palindromtrakat sind gute Beispiele für offen liegende Schätze, die von anderen Zeiten und anderen Ländern als Wert erkannt und gehoben werden. Stolterfohts Entdeckerlust, was die Gertrude Stein-Übersetzung (wie man seine art gewinnt) angeht, wurde übrigens vor wenigen Tagen in der Frankfurter Rundschau ausführlich gewürdigt, und zwar von Jan Wagner, Anna Seghers-Preisträger von 2004.
Grundsätzlich ist die Hinwendung zu anderen Autoren und Autorinnen, zu lebenden und toten, ob Petrarca, Hölderlin oder Oskar Pastior, die zentrale Größe in Stolterfohts Ästhetik. Im Sinne des «widergangs» mit einfachem i haben die zu den Autoren gesponnenen Netze allerdings auch ihre widerständige und subversive Seite. Nicht umsonst trägt der Kompilationsband (Ausgabe 21 der Zeitschrift Zwischen den Zeilen), für den Ulf Stolterfoht elf Autoren ausgewählt hat, den Titel Elf Widerstandsnester. Widerstand wogegen? Eine Ahnung davon gibt folgende Zustandsbeschreibung des Literaturbetriebs in fachsprachen XXIV, Abschnitt 3:

[…] denn wenn man sieht wie ihn an-
dere verrichten: lustlos / die faust in der bluse (stichwort: liebes-
dienst an der lesegesellschaft) dann wünscht man sich dreierlei:
ausflüge in ein etwas riskanteres repertoire/ das wiedererstar-

ken des experimental sowie spielorte für junge schreier. dies zu
verwirklichen bedürfte es allerdings eines modernen sigismund
rüstig. lyrik würde mit einem mal spürbar. lichtwark. folk-
wang. abspann: es macht aber auch einfach spaß das avancier-
teste produkt zum jeweils günstigsten preis anbieten zu dürfen.

Zum letzten Satz – Lyrik als das «avancierteste produkt zum jeweils günstigsten preis» – passt der plakative, sogar noch in den letzten Reihen lesbare Werbeaufkleber auf den Widerstandsnestern: ALL KILLA! NO FILLA! Literarische Widerstandsnester setzen Wörter und Sätze in die Welt, die, wie es in einem Thomas Kling gewidmeten Gedicht (fachsprachen XX) heißt, «klittern und // zwittern. den leser syntaktisch erschüttern.» In das gleiche Horn stößt der traktat vom widergang, Abschnitt 31:

DIE WÖRTER SIND IRGENDWIE LEBENDIG. gleich
stanzen, die auf ihrem weg durch die zeitalter kranken und
schwanken, bekommen sie jedes linguistische tief ent-
sprechend ab. wenn plötzliche vermischung sprießt und
gärung findet statt, dann in jeglichem erdenk: abfall des
anlauts, neuhauch, wiederwort, rheinstrom / peinstrom,
unterdruck, röslein-rot-stellung, nachschalt, froschnatur,
nullstabe und einfug sind leicht darauf zurückzuführen,
daß sich der gang wieder lohnt – gerechnet auf schranze.

Lunte wird hier gelegt an eine Revolution der Wörter: «DIE WÖRTER SIND IRGENDWIE LEBENDIG. gleich / stanzen, die auf ihrem weg durch die zeitalter kranken und / schwanken«. Revolution? Das hat schon Züge einer Epidemie: word flu statt bird flu, eine transkontinental ausgreifende Wortgrippe, kaum einzudämmen. Verzweifelt werden Sie den Erreger suchen – und nicht finden. Dabei wäre es so einfach. Schauen Sie nur genau hin – word flu, flu, FLU – und denken Sie nicht nur vorwärts, denken Sie palindromitisch!

Lieber Ulf Stolterfoht – herzlichen Glückwunsch zum Anna Seghers-Preis 2005!



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