Birgit Kempker

Wie Geister unter Schriftsteller fallen




Ich muss mit Yoko Tawada über Gespenster sprechen, dachte ich, als ich mit «Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder», ein schmales Buch von Shichiro Fukazawa, in der Badewanne lag und an Hooichi dachte.
Hooichi, der blinde Sänger, der als Strassenmusikant das Saiteninstrument Biwa spielte und dazu die Geschichte des Heike-Geschlechtes, wie es im 12. Jahrhundert vom Genji-Geschlecht nahezu ausgerottet und von der Macht vertrieben wurde, für das Volk auf der Strasse sang, bis ein Mönch sich in ihn verliebte, ihn mit ins Kloster lockte und Hooichis Kunst für sich allein geniessen wollte. Nachts aber kamen die Geister der Toten aus dem Heike-Geschlecht und entführten ihn auf den Friedhof, dort sollte er für sie spielen und singen. Um die Entführungen zu stoppen, liess der Mönch Hooichis Haut mit heiligen Schriftzeichen bedecken, vergass aber die Ohren, und als die Toten nachts wieder kamen, sahen sie nur die schwebenden Ohren, die sie zerrissen, und blutig mit sich nahmen, denn Hooichi biss die Zähne aufeinander und blieb unerkannt - eigentlich zwischen den Toten, dem Mönch und dem Volke sitzen, das ihn, wie die Geister, sehr vermisste.
Von Hooichi hörte ich zum ersten Mal in Yoko Tawadas Essay «Der Schriftkörper und der beschriftete Körper», den ich ebenfalls in der Badewanne las. Beide Bücher sind nass und das scheint - das Aufeinanderkommen von zwei Badewannenmomenten mit zwei Büchern und Buchseiten, die sich auflösen, Druckerschwärze auf der Haut, krumpelige Badewannenfinger und welliges Papier, diese Zustände der Orte und Objekte und Verwirbelungen der Sprachen, denn das japanische Buch wurde übers Französische ins Deutsche übersetzt und die Hooichi-Sage wurde dank eines Engländers in Japan, der sie dort wiederentdeckte und aufschrieb, in Japan wieder bekannt, und mir geriet der Essay auf Grund einer Kölner Poetikreihe, zu der ich eingeladen wurde, ins Haus und in die Badewanne, um meine Vorgängerinnen zu studieren, also Köln über Tübingen über Basel über Tokio über Geisterland - das alles scheint eine geisterfreundliche Umgebung, wie auch der Spiegel hinter mir, durch den die Geister bekanntlich ein- und austreten können.
Ich wusste weder wie mit Gespenstern noch wie über Gespenster zu sprechen ist, und erst recht nicht, wie von Gespenster dazu entführt, und ahnte, dass es näher läge in Sachen Gespenster mit einer Gespensterkundigen wie Yoko Tawada via e-mail zu verhandeln, weil sich da zwanglos die neuen e-mail Gespenster einstellen würden, doch gibt es neue Gespenster? Können sich Gespenster beliebig verwandeln? Was ist aus den alten Kussbriefgespenstern, die die Küsse aus den Briefen unterwegs abfangen und fressen, geworden? Was würde Kafka, ein anderer Gespensterspezialist, dazu sagen und auf welchem Weg, oder ist Kafka ein zufriedener Toter?
Yoko Tawada ist diesen Sommer Gast im Literaturhaus Basel, so kommt es zu einem leibhaftigen Gespräch betreffs Gespenster zwischen uns, was im doppelten Sinn artuntypisch ist. Denn Gespenster leihen sich zwar manchmal die Körper der Menschen oder erscheinen in verschiedenen Körpern und Gegenständen, sind aber ihrem Wesen nach unkörperlich, und auch Schriftstellerinnen sind zwar körperlich, das Medium ihrer Arbeit und ihres Aufenthalts ist ein wesentlich unkörperliches, zumindest nicht festkörperliches, sondern durchlässiges, worin Stimmen zuhause sind oder hausen und kommen und gehen, Zeiten aufeinandergeschichtet sind und osmotisch, das heisst, nicht gegeneinander abgegrenzt, also im besten Sinn undicht.
Schreibarbeit als Geisterarbeit, davon erzählt Yoko Tawada in ihren Essays, Prosastücken und Gedichten manchmal mit einer Selbstverständlichkeit, was die Geister betrifft, und ich frage mich, hat das etwas mit der japanischen Tradition zu tun?
Im japanischen Mittelalter gab es für den Umgang mit Geistern Regeln und Rituale, erzählt Yoko Tawada, und bis heute sind einige Geister beliebt, so die Fotogeister bei den japanischen Jugendlichen. Fotogeister lieben Gruppenfotos, es handele sich dabei entweder um einen Schatten von etwas oder jemandem, oder um einen Menschen, der anders aussah als sonst oder um jemand, der eigentlich vergessen ist, aber auf dem Foto. Es gäbe in Japan verschiedene Arten von Geistern, doch halten sich Geister an Grenzen?
Was Hooichi betrifft, fragten wir uns, warum die Geister die Ohren mitgenommen haben, ob sie das Hörorgan mit dem Hören verwechselten oder ob sie technisch so gut ausgerüstet waren, dass sie vom Ohr das Gehörte ablesen konnten. Wenn sich alles auf der Welt nur verwandelt statt verschwindet, dann ist es wahrscheinlich, dass die Gespenster als Verwandlungsspezialisten auch diesbezüglich Menschen voraus sind und mittlerweile nur das Ohr geistig anpeilen müssten, um alles je von ihm Gehörte zu hören. Sobald aber die Gespenster den Menschen etwas mitteilen wollen, müssen sie sich auf unsere primitiven Mittel einlassen, sie könnten sehr daran interessiert sein, dass unsere Computer endlich dem Steinzeitalter entwachsen.
Um den Computer herum schwirren neue Gespenster, so könnte das Hurenkind, der Satz zuviel beim Seitenumbruch, sich in das Buchstabengespenst verwandelt haben, das durch Programmierfehler entsteht. Yoko Tawada ist solchen Computer- Gespenstern seit 1996 auf den Fersen, so schreibt sie von den Schrecksekunden, als sich alphabetische Buchstaben in Ideogramme verwandelten, besonders anfällig seien deutsche Umlaute in Kombination mit «f» und «ch».
«Die Buchstaben im Bildschirm sind einerseits leicht zu löschen, andererseits ist man nie sicher, ob sie wirklich verschwunden sind oder ob sie sich nur im Meer versteckt haben und unerwartet wieder auftauchen. ... Die Buchstaben auf dem Bildschirm wirken auf mich gespenstischer als eine Pinselschrift auf Papier, denn sie sind da und doch nicht da. Sie sind nur Schatten auf der Oberfläche des elektronischen Wassers oder Erinnerungen an Gegenstände, die einmal im Wasser verlorengegangen sind. Sie haben kein Gewicht und können jetzt hier sein und im nächsten Moment an einem entfernten Ort in einem anderen Computer erscheinen, so wie Geister es können», schreibt Yoko Tawada in ihren Tübinger Vorlesungen.
Die mir unheimlichste Sorte Geister sind die Seelen der Lebenden, die sich im Schlaf abkoppeln und zu anderen Seelen anderer Lebender zu Besuch kommen, und zwar wird speziell von solchen Besuchen berichtet, erzählt Yoko Tawada, die dramatisch und für beide Lebenden lebensgefährlich verlaufen. Im klassischen japanischen No-Theater sei dies eines der Stück-Motive: Eine eifersüchtige Seele greift die Seele ihrer Rivalin an. Die Rivalin bekommt hohes Fieber, auch die Eifersüchtige ist ganz real ausser sich. Ein Priester versucht die eifersüchtige Seele zu beruhigen, so dass sie wieder zum Körper heimkehrt und von ihrem Opfer ablässt. So überleben beide.
Die zweite Sorte Geister sind die Seelen der unzufriedenen Toten und zwar solcher, die es noch nicht ganz geschafft haben von ihren irdischen Bedürfnissen abzulassen und auf Manifestationen zu verzichten. Auch diese Seelen sind mobil, halten sich vorzugsweise auf Strassenkreuzungen, Friedhöfen, alten Häusern, Sumpfgebieten auf. Sie haben den Lebenden etwas zu erzählen, sie wollen von den Lebenden, dass diese etwas über sie erzählen, und zwar immer wieder, um nicht vergessen zu werden, wie die Seelen der Toten aus dem Heike-Geschlecht.
Die dritte Sorte sind von Anfang an - Gespenster: Ortsgebundene Schirmgespenster, Wandgespenster, Einäugige, Langhalsige, Sechsfingrige. Ihr Pendant sind die eleganteren Gespenster, nicht wie die Arbeitergespenster aus den Volksmärchen, fliegen sie hoch oben in den Lüften, die Himmelsmenschen und auch die Mondwesen, den christlichen Engeln vergleichbar mit Schutzfunktion.
Ortsgebunden sind auch die Hausgespenster, sie sind wichtig für die Hausbewohner und immer da, im Garten z.B. als Schlange, als Wohnzimmerknabe im Wohnzimmer, ihr Ausbleiben kündigt Unheil an. Es gibt keine sichere Methode, sie nicht zu verlieren. Schutzgeister sind nicht zu füttern.
Fuchsgeister hingegen leben in taoistischen Schreinen und sind mit dünnen, in Öl gebratenen Scheiben Tofu zu füttern. Fuchsgeister können sich autonom in Menschen verwandeln und wieder zurück. Umgekehrt nicht. Auch Zauberer können Menschen nicht in Tiere verwandeln. (Dies ist anders in der griechischen Mythologie und in einigen europäischen Kunst und Volksmärchen, möglicherweise auch wegen dem Verbot der Sodomie, denn wenn eine Prinzessin einen Frosch an die Wand wirft, der sich in einen Prinz verwandelt, so ist es doch ein Frosch, ausser er war vorher ein Prinz, der in einen Frosch verwandelt wurde. Bei der kleinen Seejungfrau ist es komplizierter, weil sie ein Mischwesen ist und eine unsterbliche Seele hat, die sie für die Liebe zum Prinzen opfert und als dieser sie nicht zur Frau nimmt, Schaum wird auf dem Wasser, friedloser Schaum vermutlich, doch ohne Geist.) Menschen heiraten diese verwandelten Fuchsgeister und merken erst später, wen sie vor sich haben, meist ist es dann zu spät, der Fuchsgeist verschwindet wieder, weil er aufgescheucht wurde.
Ich danke Yoko Tawada für ihre kleine Geisterkunde und frage sie, wie sie einen Geist ansprechen würde. Zunächst wisse sie gerne die Sorte, welche Sorte Geist und dann, was er wolle. Als ich einwende, es könnte unheimlich werden, fragt sich Yoko Tawada, wie es überhaupt mit dem Sprechen und Hören der Geister bestellt ist, und sie erinnert sich an diese Momente kurz nach dem Einschlafen, am Tisch, über der Arbeit, und erkläre das gern mit Dreck auf den Kontaktlinsen, oder aber der Blick in den Spiegel, das Gefühl, jemand anders schaue einen an, ich sage, mich schaut manchmal meine tote Mutter an, dann schauen wir uns an, denn unsere Mütter sind beide nicht tot und das alles muss damit zu tun haben, dass man sich erst tot vermutlich wirklich selber sieht, wie in Berichten von Leuten mit Nahtoterfahrung, oder in den Filmen und Erzählungen, wo frisch Gestorbene über sich kreisen und sich tot sehen.
Nun sind wir via Doppelgängermotiv im Abendland gelandet, der Mensch stirbt, wenn er seinen Doppelgänger sieht. Noch tiefer ins Abendland rutschen wir mit den Pokémons. Pokémons sind Taschengeister, Pocket-Monster, (Poké-mon), die meisten sind sprechende Tiere und wie alle Naturgeister verwandlungsfähig. Der Erfinder der Pokémons ist Satoshi Tajiri, der als Kind am Rand von Tokio lebte und Insekten sammelte. Die Pokémons verwandeln sich von Land zu Land. So sind sie in Amerika eindeutig gut oder böse und in Japan ambivalent, weil Japanern die Mehrdeutigkeit der Geisterwelt vertraut ist. Die meisten Pokémons brauchen Pflege und müssen trainiert werden wie die normalen Geister auch. Ein Bankmann z.B., sagt Yoko Tawada, der keine Zeit mehr für die Geister hat, lebt gefährlich. Er könnte wie die Erfrorenen im Schnee noch einmal grosse Hitze entfalten, das wäre die Glut der Geister und darin sterben.
«Comicstrips schwimmen in den elektrischen Farben der Mythen», schreibt Yoko Tawada in ihrem Kopfkissenbuch, und: «Bei Comicstrips muss man keine Angst vor Übertreibungen haben. Coronis Mann stösst versehentlich einen BBQ-Dolch in den Bauch seiner Frau, spürt ein Kind im Bauch und heult. Ein Springbrunnen von Tränen mitten in einem Blutteich. Aber es ist noch nicht zu spät, er kann das Kind noch retten. Der Mörder begiesst die Leiche mit Parfüm Chanel-Nummer-Fünf und bedeckt das Fleisch mit Küssen. Dann öffnet sich eine Automatiktür zwischen den Beinen der Frau, und ein Kind kriecht heraus.»
Coronis Mann würde gerne Maler sein und nicht Comics zeichnen, kann aber nicht, sagt er, weil er Geld verdienen muss und «Coronis bekommt plötzlich Angst vor dem Wort Geld, denn es wird so ausgesprochen, als würde eine geheimnisvolle Logik dahinterstecken, die ein Aussenstehender nicht verstehen kann. Coronis erinnert sich an ein altertümliches Ritual, in dem ein neugeborenes Kind auf eine Strasse ausgesetzt wird, damit die bösen Geister glauben, das Kind sei nicht begehrenswert. Vielleicht verachtet ihr Mann das Geld, damit die bösen Geister nicht bemerken, dass es ihm viel bedeutet.»
Ja, einmal hatte ich einen Geist, sage ich, in Graz, im alten Hotel Mariahilf, einer aus der Arbeiterschicht und stationär, oder Hausgeist. Ich fühlte mich in dem Hotelzimmer blitzartig zuhause und habe mich damit zusehr in die Belange des Raumes gemischt. Nachts wachte ich auf, eine schwarze Masse näherte sich mir von rechts. Ich vergewisserte mich, dass ich wach bin und dachte bei schwarzer Masse an alles, nur nicht an Geist und redete solange auf ihn ein bis er verschwand.
Ich war trotz langem Geistertraining durch Lesen und Schreiben völlig unvorbereitet auf meinen ersten Geist. Was bist du für ein Geist, hätte ich fragen sollen, oder es besser gleich wissen können und ihn bitten, mir seine Geschichte zu erzählen. Obwohl er vermutlich zu den ortsgebundenen Geistern gehörte, bei meiner Seele möge es keine Seele eines lebenden Menschen gewesen sein, könnten ihm bitte seine zeitungslesenden Mitgeister meine Entschuldigung übermitteln, es sei denn... und dann erzählte ich Yoko Tawada vom Virus aus Odessa, den sich Martin Zingg via Computer zugezogen hatte, der seine sämtlichen gespeicherten Texte auf der Festplatte zu neuen, jeweils auf gespenstige Weise zu den ebenfalls gespeicherten e-mail Adressen passendenden Texten komponierte und diese genau dorthin jeweils verschickte, sodass Laederach einen Text zu Max Frisch erhielt und Schertenleib zu Don Juan und Kirkegaard, wir jammerten, heulten, zähneklappertern und bekundeten uns, wie gänzlich kalt uns Gespenster lassen, wie grausam schrecklich aber unsere namenlose Furcht vor diesem Virus aus Odessa sei - deutlicher werde ich nicht wegen den Zeitungslesegespenstern.


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