Hans-Jost Frey
Wozu Literatur?





Aus "Wozu Literatur?"
"Dass die Literatur gerade insofern radikale Kritik ist, als sie nicht kritisiert, bringt sie in ein merkwürdiges Verhältnis zur Ordnung. Dieses Verhältnis besteht im Fehlen eines Verhaltens. Damit meine ich nicht, dass die Literatur unfähig ist, oder sich weigert, oder darauf verzichtet, sich so oder so zur Ordnung zu verhalten. All das würde sie gerade dazu ins Verhältnis setzen und sie auf den Standpunkt des "ich will nicht" oder "ich kann nicht" festlegen. Das Fehlen, von dem ich rede, ist neutral - Absenz, die kein Mangel ist. [...] Wenn ich das Verhältnis der Literatur zur Ordnung als das Fehlen von Verhalten bestimme, so spreche ich der Literatur Standpunktlosigkeit zu. Innerhalb der vorherrschenden Wertordnung unserer Gesellschaft fällt es schwer, das nicht als Vorwurf zu verstehen. Standpunktlosigkeit gilt als Mangel an Charakter und Mut. Man muss für das einstehen, was man zu vertreten hat. Ohne Standpunkt kein Lebenszweck. Man soll sich auf etwas zu bewegen, etwas erreichen. Deshalb ist es am besten, man legt sich auf eine Linie fest. Ohne Entscheide geht es nicht. Wie man entscheidet, ist weniger wichtig, als dass man es tut. Unter dem Druck solcher Sätze, die eine durchschnittlich akzeptable Einstellung umreißen, ist Standpunktlosigkeit schwer auszuhalten, und wer nicht gleich Stellung nimmt, wird leicht von schlechtem Gewissen befallen. [...] Dass Schriftsteller im allgemeinen eine oppositionelle Haltung einnehmen, ist einleuchtend, weil so die Kritik, wenn auch auf die Position des Widerstandes eingeengt, erhalten bleibt. So sehr ein solches Verhalten in menschlicher Hinsicht zu begreifen und zu respektieren ist, so wenig hat es mit der Kritik zu tun, welche die Literatur ist. Position und Opposition machen zusammen die Ordnung aus, der sich die Literatur als positionslose entzieht. Diese Standpunktlosigkeit der Literatur ist nicht einfach Unentschlossenheit oder Feigheit. Sie ist nicht ein Versagen innerhalb der Ordnung, sondern eine Außerkraftsetzung der Ordnung durch das Heraustreten aus ihr. Das Radikale der literarischen Kritik liegt gerade in diesem Ausstand, darin, dass sie sich der Ordnung nicht entgegenstellt und sie dadurch zur Kenntnis nimmt und als Gegner setzt, sondern dass sie sich nicht einmal mehr um sie kümmert."


Aus: Hans-Jost Frey, "Wozu Literatur?"