Ilma Rakusa

Anna Achmatowa: Enuma elisch. Traum im Traum




WDR 3, 24. April 2005, 12.05-13.00 Uhr

Es gibt Werke, deren mysteriöse Entstehungsgeschichte Stoff für einen Roman abgäbe. «Enuma elisch», das letzte, möglicherweise unabgeschlossene poetische Opus der russischen Dichterin Anna Achmatowa, ist ein solches Werk. Achmatowa selbst behauptete, sie hätte den als Theaterstück konzipierten Text zwischen 1942 und 1944 in Taschkent verfasst und am 11. Juni 1944 eigenhändig verbrannt. Nicht nur das Datum der Verbrennung darf angezweifelt werden, sondern auch der Begriff der Rekonstruktion, den Achmatowa ins Spiel brachte, als sie 1962 die Arbeit an «Enuma elisch» wieder aufnahm. Bis zu ihrem Tod, 1966, schrieb sie an diesem Drama, das – 1989 erstmals gedruckt – wegen seines heterogenen und fragmentarischen Charakters bis heute Rätsel aufgibt.
Übersetzer Alexander Nitzberg meint einen Teil dieser Rätsel gelöst zu haben: «Enuma elisch», so seine These, sei ein vollkommen neu gestaltetes Werk und auch keineswegs unabgeschlossen. Die grosse Mystifikatorin Achmatowa habe vielmehr den Rekonstruktions- und Fragmentgedanken zum poetischen Prinzip gemacht, um eine Einheit zwischen Kunstwerk und Künstlerin vorzutäuschen. Die These wirkt bestechend, doch der Lektüreeindruck bleibt zwiespältig.
Sollte dieses Alterswerk wirklich die Summa von Achmatowas Schaffen sein? Die grand old lady der russischen Poesie des 20. Jahrhunderts, 1889 in der Nähe von Odessa geboren, hat unter schwierigsten Umständen ein grosses und grossartiges Œuvre hervorgebracht. Anders als Marina Zwetajewa ging Achmatowa nicht in die Emigration, sondern blieb in Russland, genauer in Leningrad. 1921 wurde ihr Mann, der Dichter Nikolaj Gumiljow, als angeblicher Monarchist von der Tscheka erschossen. Zur Zeit des stalinistischen Terrors erlebte sie die mehrmalige Verhaftung ihres einzigen Sohns, Lew Gumiljow. Die Angst und Verzweiflung jener Tage hielt sie in ihrem später berühmt gewordenen Gedichtzyklus «Requiem» fest. Ans Publizieren war schon lange nicht mehr zu denken. Zwischen 1922 und 1940 erschien von Achmatowa kein einziges Buch. Während ihre frühe Liebeslyrik in weite Ferne rückte, veröffentlichte sie vereinzelte Aufsätze über Puschkin und schrieb in die Schublade. Völlig klandestin entstand auch ihr weitgefächertes poetisches Triptychon «Poem ohne Held», das aus der Lyrikerin der Intimität eine Geschichtsdichterin machte. Achmatowa arbeitete zweiundzwanzig Jahre – von 1940 bis 1962 – an diesem Vermächtnis, im belagerten Leningrad und in Taschkent, wohin sie evakuiert worden war, anschliessend wieder in Leningrad, wo sie 1946 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und 1949 erneut mit der Inhaftierung ihres Sohns konfrontiert wurde. Das Poem beschwört den Aufstand der Zeit, der längst vergangenen des Jahres 1913 und der kriegsversehrten von 1941 – in einem Reigen, der Karneval und Totentanz zugleich ist, hoffmannesker Schattenspuk und tragisches Epochenbild. Mit seinen vielfältigen Anspielungen und versteckten Zitaten, seinen Verspiegelungen und Doppelbödigkeiten verkörpert dieses elegische Epos einen eigentlichen Gedächtnisraum, der die vorrevolutionäre Zeit ebenso einschliesst wie Puschkin, Byron und Dante, und der wundersam zusammenführt, was von Stalins Terrorregime gewaltsam gekappt wurde.
Mit «Enuma elisch» nun knüpfte Achmatowa sichtlich an das «Poem ohne Held» an. Verwandt ist der epische Atem, die ausladende Anlage, das Spiel mit Mystifikation und Maskerade, mit verschiedenen Gattungselementen und Zitaten. Und wieder geht es um Geschichte, Zeit und Gedächtnis, um die Rolle der Erinnerung und die Last persönlicher Schuld, um politische Unterdrückung und das gefährdete, verfemte Kunstwerk. Der Titel «Enuma elisch» geht auf einen altbabylonischen Schöpfungsmythos zurück und bedeutet «Als droben». Achmatowa allerdings verstand die Worte anders, nämlich als «Die da oben», und wandte sie ironisch auf Stalins Schergen an. Doch benutzte sie für ihr dreiteiliges Drama auch andere Titel wie «Prolog», «Traum im Traum» und – besonders aufschlussreich – «Die Grosse Beichte».
Um ein bekenntnishaftes Vermächtnis geht es ohne Zweifel. Im Zentrum steht die verträumte Heldin X (und ihre beiden Doppelgängerinnen), im Gespräch mit der «Sekretärin von nicht menschlicher Schönheit», der «Rivalin», dem «Redakteur mit assyrischem Bart», aber auch mit der «Stimme», dem «Schatten» und dem «Gast aus der Zukunft». Zum Figurenrepertoire gehören ferner Adler und Raben, ein Papagei und jener «Allerdickste», hinter dem man Parteisekretär Schdanow, Achmatowas wüsten Verunglimpfer, erahnt. Geredet wird meist in Andeutungen, knapp und rätselhaft, in einem spukhaften Wortballett. Wobei die Heldin öfter ins Monologisieren gerät, vor allem wenn sie sich elegischen Erinnerungen hingibt. Da tauchen – wie ferne Echos – lyrische Selbstzitate der Achmatowa auf, und das konfuse Drama entfaltet poetische Tiefenschärfe.
Es ist kein Leichtes, sich im labyrinthischen Textgefüge von «Enuma elisch» zurechtzufinden. Ob fragmentarisch oder nicht, das Ganze wirkt zerfasert, unkohärent und bleibt – trotz Nitzbergs Kommentaren – ziemlich kryptisch. Achmatowa selbst hat die einzelnen Teile und Szenen des Stücks nicht fest verbunden, sie hinterliess ein Textmosaik, ein auf verschiedene Kuverts verteiltes Manuskript. Die aktuelle Fassung ist eine Konstruktion post festum. Und besser, man grübelt nicht über mögliche andere Varianten, sondern zieht aus der bestehenden optimalen Gewinn. Zu entdecken gibt es nämlich immer wieder Erstaunliches. So etwa die groteske Schilderung einer Kommunalwohnung, in der es - wovon Achmatowa persönlich ein Liedchen zu singen wusste – drunter und drüber geht:
«In der Wohnung Nr. 113 wurde dreimal jemand verrückt: die ehemalige Haushälterin des alten Ehepaars Wenaw, die zu ihren Stiefkindern nach Polen ausgereist waren und von dort ungute Neuigkeiten schickten; der General-Leutnant des MGB Samowarow, der aufgrund des zu ‘humanen Verhaltens’ entlassen wurde, und der Künstler Fedja, der zwei Jahre lang als Genie gegolten hatte, bis irgendjemand von irgendwoher gekommen ist und sich daraufhin alles schlagartig änderte. Das hat Fedja ganz verwirrt und umgeworfen. Die übrigen Parteien der Wohnung Nr. 113 erfreuten sich einer blühenden Gesundheit, prügelten sich in der Küche, so dass die Miliz und der Ambulanzwagen kommen mussten, denunzierten sich gegenseitig (sowohl kollektiv als auch einzeln), prozessierten zwischen sieben und siebzig Mal pro Jahr wegen des Lichtes, das in der Toilette nicht ordnungsgemäss gelöscht wurde, und erreichten, dass schliesslich zur allgemeinen Begeisterung die Toilette und für alle Fälle auch noch die Wasserleitung bis auf weiteres geschlossen wurden. - Dann aber sollte die Friedenstaube mit einem Ölzweig im Schnabel über die Wohnung Nr. 113 schweben, denn sie (die Wohnung) bekam irgendeine Lobesurkunde verliehen, die im Flur neben dem Fahrradgestell und der Kinderbadewanne aufgehängt wurde.»
Prosaisch und ironisch zugleich beschreibt Achmatowa hier die Misere des Alltagslebens, wie es dem Sowjetbürger (und ihr selbst) jahrzehntelang zugemutet wurde. Allein schon vor dem Hintergrund solcher Zustände, vom politischen Terror ganz zu schweigen, erscheint Achmatowas Schaffen als eine grandiose Leistung. Das enigmatische Spätwerk «Enuma elisch» mit eingeschlossen.


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