Ulf Stolterfoht

Zum Gedicht «Klumpatsch» von Oskar Pastior




Oskar Pastior: Klumpatsch


Ungern und forsch aus Technik und Wissen geboren:
sprunghaft erloschen im Hinblick vor jeder Bezie-
hung: was du auch tust, tu es im plumpen Bereich

und denk an die Frösche: auch Wirbelstürme irren:
gib dem Fett einen Auslauf, sei Vorsehung und Sei-
de, wenn du kannst, doch gib acht auf diese dummen

Ratschläge: der Mond auf seine Art hat keinen Appe-
tit: habe dessenungeachtet Seife im Ohr, vernachläs-
sige dein Nagelbett, greif ungeschickt nach jenem

grauen Papier: wenn angesichts einer feuchten Ge-
hirngrube dein Gestirn in Phasen geht, blau, gelb,
rot und andersfarben, auch metall-blöde zeig was

du nicht kannst und klump dich breit auseinander:
glühen kannst du noch immer: mach aus deinem unter-
entwickelten Hehl keine Herzfaust und aus den Eier

schalen keinen Schraubstock: gescheitelt werden im
dreckigen Wetter, das sollst du: tu es im falschen
Bereich: scheu keinen Matsch, sei eine menschliche

Enttäuschung in plumper Hinsicht: galvanisch und
pieslig geboren, von der Seite erloschen, was du auch
tust: tu es dick und klitschig, ungern und forsch.



Im Gedicht «Klumpatsch» (aus dem Band «Wechselbalg» von 1980) zeigen sich beispielhaft zwei Besonderheiten aller Pastiorschen Texte: zum einen vermitteln sie den Eindruck, nur ein kleiner Ausschnitt eines riesigen, fortlaufenden Textkontinuums zu sein (weshalb Pastior häufig auf Titel, fast immer auf Pointen verzichtet), zum anderen neigen Pastiors Gedichte und Gedichtbände dazu, eigene, sich selbst regulierende Genres und Subgenres auszubilden, genannt seien die Gedichtgedichte, Hörichte, Gimpelstifte oder eben die Wechselbälger. (Der «Klumpatsch» selbst wäre dann vielleicht dem Subgenre «Ratgebergedicht, affirmativ» zuzurechnen.) Diese scheinbare, sich aber vielmehr bedingende Gegenläufigkeit der Methoden ist natürlich auch ein. Reflex auf das Grundproblem post-naiven Schreibens: Wenn nämlich die traditionell verweisenden Dichtungsformen unbrauchbar geworden sind (wohlgemerkt ein erkenntnistheoretisches, kein poetologisches Faktum) bei gleichzeitigem Ausbleiben eines wie auch immer gearteten «lyrischen Gefühls» - was wäre dann noch wie zu sagen? Dieser Frage geht Oskar Pastior in immer neuen Verfahrensweisen und Versuchsanordnungen nach, und die Antworten, die seine Gedichte anbieten, sind die verblüffendsten, die man sich vorstellen kann.

Die Geburt des Klumpatsch aus dem Geist der humanistischen Erziehung. Was diesem Gedicht nämlich, neben all seinen spielerischen und komischen Aspekten, untergründig den Takt schlägt, ist das nagende «quidquid agis, prudenter agas et respice finem» (etwa: was du auch tust, tu's möglichst klug und bedenke das Ende), ein Satz, der sich - so gerade noch Schönschrift - in meinem Schul-Vademecum findet und mich seither beständig heimsucht, nicht als ein: Nutze den Tag!, sondern als eine bedrohliche rhythmisch-syntaktische Tatsache, die sich zwischen Denken, Sprechen und Schreiben schiebt. Die vielfache «Klumpatsch»-Lektüre tut ein übriges: «was du auch tust, tu es im plumpen Bereich und denk an die Frösche». Und das ist erst der Anfang, denn wenn ich nun tatsächlich an die Frösche denke, dann denke ich an Ovids Frösche mit ihrem «quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere tentan»-Gequake (also: obschon unter Wasser, unter Wasser hören sie nicht auf zu spotten) und höre gleichzeitig Pastiors: plump, klump und dumm; feucht, forsch und Frosch; höre: ungeschickt, dreckig und dick - und war es nicht der klitschige Luigi Galvani, der erstmals Strom in grünen Schenkeln wähnte? Mahlstrom ad fontes, wo die kleinen Quappen wohnen.

Oskar Pastior geht über das eigentliche meta-sprachliche Konzept: also immer auch über das Sprechen zu sprechen, über das Dichten zu dichten, dadurch hinaus, daß er eben nicht nur darüber schreibt, sondern es uns (ganz im Wittgensteinschen Sinne) ZEIGT. Ich erinnere mich, daß etwa zu der Zeit, als wir «quidquid agis» ins. Vademecum schreiben mußten, ein Plakat.des Entwicklungshilfeministerium in unserem Klassenzimmer hing, dessen Slogan mich damals ähnlich nachhaltig irritierte: «Ihre Basare von heute sind unsere Märkte von morgen». Oskar Pastiors Formen des Dichtens sind unsere Formen des Denkens. Er selbst denkt womöglich ganz anders.


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