Dieter M. Gräf

Arabien, Persien: Lyrik von Fuad Rifka und Ahmad Schamlu


Basler Zeitung, 31. Januar 2003

Hanser, Suhrkamp, Ammann, DuMont – man braucht nicht die Finger einer Hand, um die ersten Häuser aufzulisten, die sich um ein konsequentes Lyrik-Programm bemühen. Wenn man sich anschaut, dass hierzulande nicht einmal die amerikanische Gegenwartsdichtung auch nur in allergröbsten Zügen erschlossen ist, mag man das Ausmass des Mangels erahnen. Kleine, spezialisierte Verlage erwerben sich beträchtliches Verdienst, indem sie einspringen, mitunter durch vorbildlich aufgemachte Ausgaben. Diesmal wären die Straelener Manuskripte zu nennen, die den arabischen Dichter Fuad Rifka in einer liebevoll aufbereiteten zweisprachigen Fassung vorstellen, und Urs Engeler Editor aus Basel, der den persischen Poeten Ahmad Schamlu ebenfalls zweisprachig präsentiert.
Fuad Rifkas Gedichtband «Das Tal der Rituale» ist auf schlichte Weise edel gestaltet und entspricht dem tradierten, aber nicht oft gepflegten Bild des stimmigen Buches. Dazu gehört freilich, dass Gestalt und Gehalt sich bedingen: die Gedichte wirken gereift, bedacht und weise, allerdings wird man hier kaum Kühnheit finden, verstörende Bilder oder irritierende Sprachkraft. Im ersten Kapitel, «Tagebuch eines Holzsammlers», kann man sich einlesen in Rifkas poetische Sicht, und im Verlauf des Buches begegnet man ihr in vielfältigen Variationen wieder, um dann erst im titelgebenden Schlussabschnitt auch eine vorsichtig erweiterte, hymnische Ausdrucksweise kennen zu lernen.
«Tagebuch eines Holzsammlers», «Gedichte eines Indianers», «Der Krug des Samariters», «Die Ruine des Sufis», «Das Tal der Rituale» – die Namen der Buchabschnitte sprechen für eine dezente Naturmystik. «Wer ist dein Freund, / Holzsammler?», heisst es in einer Frage-und-Antwort-Passage: «Der Leib der Erde. / Wo ist dein Weg? / Wo es keine Wege gibt.» In dieser Welt sind die Erscheinungen nicht so abgrenzbar wie im Profanen: «Er wandert durch den Wald, / sein Hemd die Äste, / sein Stock eine Lampe», mit dieser Vorstellung des Holzsammlers beginnt die Auswahl Stefan Weidners, der zusammen mit Ursula und Simon Yussuf Assaf die Gedichte übersetzte und sich im Nachwort für seinen Autor stark macht, der wie kein anderer arabischer Dichter mit der deutschen Kultur verbunden ist: 1965 promovierte der nun über Siebzigjährige, der auch als Übersetzer von Goethe, Hölderlin, Novalis, Rilke und Trakl vermittelnd wirkte, zu Heideggers Ästhetik, in Tübingen.

Schon die Aufmachung von Ahmad Schamlus «Blaues Lied» ist ein Faszinosum: ein Mix aus orientalischer Ästhetik und modernster des Westens: Grundlage des Titelbildes scheint ein Autorengemälde zu sein aus der persischen Heimat des Dichters, darauf ist eine CD befestigt, in einem ähnlichen Blauton wie der Portraithintergrund, von einer Folienhülle geschützt. Auch hier stimmen Form und Inhalt überein – die nur 16 Gedichte, das letzte umfasst freilich zehn Seiten, lösen Be- und Verwunderung aus. Hier dürfen wir eine poetische Stimme hören – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn –, die wir noch nicht recht verorten können, so dass nur eines gewiss ist: dass sich von diesen durch Farhad Showghi übertragenen Gedichten ein Sog ausbreitet, ein Glanz und zaubrische Schönheit. Kennen wir nicht die Assoziationshöfe und aufgerufenen Begleiter einer fremden Sprachkultur, ist Staunen das beste, was eine erste Begegnung schenken kann.
«Die Wüste ist über und über mit Nebel bedeckt», mit diesem Satz, der im Selbstgespräch des Wanderers wiederholt wird und von Golku, von der wir in einer Fussnote erfahren, das sie ein weiblicher Vorname, «den Schamlu ein einziges Mal in der nordostiranischen Stadt Gorgan hörte», und dann noch einmal vom Autor wie zu Beginn, von diesem hypnotisch wiederholten Satz wird die Atmosphäre des Gedichts aufgebaut: eine geradezu fiebrig schwitzende Landschaft mit Blut. Golku sagt und mehr als das Grundmotiv, sie fügt noch hinzu: «Wenn der Nebel nur / bis ins Frühlicht reichte, / könnten die Tapferen / zurückkehren, ihre Liebsten zu sehen.» Das wirkt in der Mitte des Gedichts nicht hermetisch-verrätselt, eher selbstverständlich, so wie im nächsten Text die ins Gedicht hineinführende Wendung «Nicht führen will ich dich durch den Turm aus Seide, / nicht tanzen lass ich dich auf den Bühnen aus Elfenbein», die fugenhaft variiert werden wird, wie auch die weiteren Motive dieses Poems: die Kinder im Hof vor welhem Haus, die auf dem kalten Pflastersteinthron, die hundert am Hang, schliesslich im feucht erstorbenen Sand.
«Nicht führen will ich dich in die Weiten eines fernen Wunsches, / Nicht tanzen lass ich dich zum rauchenden Ambra des Hoffens», dahin wird das Eingangsmotiv geführt, von dem es in der Mitte noch heisst: «Nicht stossen will ich dich über den Samt einer vagen Idee, / Nicht rollen will ich dich ins weiche Lager eines unbestimmten Glaubens.» Was Schamlu (1925-2000), der als einer der wichtigsten Erneuerer der persischen Dichtung gilt, seinen Lesern im Iran damit mitteilte, was solche magischen Sprachbilder in ihnen freisetzen, davon habe ich nicht die vageste Vorstellung. In der suggestiven Schönheit der Showghi-Übertragung laden sie uns ein, einen neuen Raum der Weltpoesie zu betreten: es sind Weite erzeugende Wortgebilde, und das tut dem deutschsprachigen Lyrikleser gut wie nichts sonst. Sie verunsichern uns enorm, sofern wir ihren Bedeutungshintergrund nicht adäquat einschätzen können, und sie belehren uns über Poesie, geben sie einem doch das sichere Gefühl, verlässliche Meisterwerke vor sich zu sehen. Dann: die persischen Schriftzeichen, delikate Zeichnungen für uns, und die Musik dieser kehligen Stimmen, wir hören sie im «Blauen Lied». Es gehört zu den leuchtendsten, flirrendsten Lyrikpublikationen der letzten Jahre.


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