Peter Waterhouse

Die Evidenz der Hühner und die Evidenz der Theorie. Aufzeichnungen




7. 8. Regen; am späten Nachmittag entschloß ich mich, bei Frau Podgornik Eier und einen Liter Milch zu kaufen. Unterwegs kurzer Monolog: Nichts hat die Landschaft mit der Seele gemeinsam, nämlich das Gras, die Bäume, die Ziegen, was soll man dazu sagen, wenn die Seele wenigstens eine Kuh wäre, das wäre tröstlich, und man hätte einen Anhaltspunkt. Diesen Gedanken behalte ich besser für mich. Stachelbeeren, Schnittlauch, Karotten. Bei Frau Podgornik stellte sich heraus, daß Mimmler überraschend zu Besuch gekommen war, Mimmler habe ein Buch geschrieben, sei überreizt, wild, laut und suche eine Woche Erholung. Mimmler aus dem Obergeschoß rufend: Wer ist gekommen? Es sind Gespräche notwendig, meine Damen dort unten oder meine Damen und Herren dort unten. Die Ungewißheiten sind leider schon wieder vorangeschritten, in meinem Mund geht die Trauer ein und aus, ich schüttele mir selbst die Hand und so begrüße ich mich fortwährend, der große Himmel dürfte nicht so groß sein und sofort, ich mag das nicht im einzelnen hinunterrufen. Rückweg mit zehn Eiern und Milch. Kirchturm, Fischteich, Zaun. Kirchturm, Fischteich, Zaun. Das Wohnhaus betrat ich mit den Worten: Ja, ja. Es ist befreiend, diese Worte zu sagen, wenn man durch eine Tür tritt. Es ist nur eine Tür ins Zimmer, das vor einer Stunde verlassen wurde, aber die zweifache Bestätigung gibt dem Vorgang seinen Klang, seinen Raum, seinen Gott, eine freundliche Entäußerung, ja zu sagen ist so gut wie ein Ei in der Hand zu halten; ich lege, was ich meine, in meine Hand, gibt es etwas Besseres?
Abends die Gewißheit, daß ich brenne, nämlich je deutlicher die Dinge werden, desto flüchtiger werde ich. Ich bereitete ein Nudelgericht zum Abendessen zu, bei der Betrachtung jeder Tomate kamen die Zweifel auf, nämlich die Tomate war so deutlich, ich war so undeutlich; die Tomaten wurden mir ein aufdringliches Ärgernis, ich brannte vor den Tomaten ab. Immerhin, jetzt bin ich ein anderer; das ist schnell gekommen.
Später der Gedanke: Je undeutlicher ich bin, desto heller ist die Welt; wer sich hat, der hat sich auch die Finsternis eingehandelt. Nein, solches will ich nicht behaupten.
8. 8. Als ich frühstückte, kam Podgornik; sie berichtete, daß es Mimmler heute nicht gut gehe, er sei von sich selbst äußerst beunruhigt und er sei besorgt über sein eifrig geschriebenes Buch, das den Titel "Theorie des Abgrunds" habe, er habe wiederholt geklagt, alles ist so groß, im Augenblick der Berührung ist alles ungeheuerlich weit und beeindruckend tief, um eine Blume zu pflücken, möchte man schon Leitern an sich anlehnen und lange hinunterklettern, aber die große Entfernung, und zwar die Endlosigkeit, zum Beispiel der endlose Weg zu den Hühnern, der endlose Weg zu den Bienen, der endlose Weg zu den Zwiebeln, nie kommen wir zu den Zwiebeln, allerhöchstens essen wir Zwiebeln, also man kann sagen, die Zwiebeln entsprechen uns, sie entsprechen uns mehr als das Erreichte, der Weg wird länger, die Möglichkeiten nehmen zu, die Stürme werden heftiger, die Begrüßungen bringen uns immer häufiger zum Weinen, der Händedruck wird immer zärtlicher und so fort, an der Klarheit besteht schließlich kein Zweifel mehr. Mehr wolle Podgornik nicht berichten, sie sei in Eile, sie wolle die Kuh zum Schlachten bringen, machen Sie sich bitte einen nachdenklichen Tag und kommen Sie uns später besuchen. Später also Mimmler persönlich: Als ich ein Kind war, war es so: Ich nahm etwas zur Hand, ich richtete meine Aufmerksamkeit auf etwas, ich setzte meinen Fuß auf etwas Nahes, ich rollte auf dem, das zugleich an mir rollte, wenn ich einen Sprung tat, dann sprang unten die Welt auch, im Wasser war das Wasser an mir, Trinken hieß sich beteiligen an einem Fluß, das Hineinbeißen in die Kirsche war mein eigener Augenblick, das Spielen mit der Katze war das, was ich war, abzüglich der Schreie und der Wildnis. Ich sagte Katze, eine halbe Stunde später sagte ich Kirsche, es gab keinen Zusammenhang und keine zentrale Perspektive. Dann hört man immer häufiger: Zwischen den Dingen liegt ein Sinn, man muß dort, wo keine Zwiebel ist, etwas erkennen. Der ganze offizielle Bildungsweg ist ein einziger Gang, wo keine Zwiebeln sind, wer möchte das bestreiten. Entweder Bildung oder Kirschen, das eine ist das Gegenteil des anderen. Was mich betrifft, ich ziehe die Kirschen vor. Leider gibt es jetzt folgendes zu berichten: Die Kirschen sind abgründig. Sie schmecken ebenso süß, wie vor vielen Jahren, aber der Geschmack ist verbunden mit einer Schmerzlichkeit, es tut mir leid, Ihnen so etwas mitzuteilen. Was meinen Sie dazu liebe Frau Podgornik? Ich meine dazu, die Kirschen wachsen, gleichzeitig sind wir mit anderem beschäftigt, später machen sie einen unbeschreibbaren Eindruck auf unsere Sinne, was die Kirschen jeden Sommer mit uns machen, ist ganz unerklärbar, danach macht das Jahr eine Kurve, wir sind aufmerksam darauf, aber anders bestimmt und bereits wieder mit anderem beschäftigt. Zu Ihrem Buch, lieber Herr Mimmler, möchte ich sagen, Sie haben sich verschaut, ich denke, man muß schauen, wie wir uns bereits wieder mit anderem beschäftigen. Lieber Mimmler, schreiben Sie nicht so vieles, bemühen Sie sich etwas mehr um die Zärtlichkeit. O, liebe Frau Podgornik, wie überzeugend alles klingt, was Sie mir gesagt haben. Ich muß mich auf einen Spaziergang begeben, nämlich mit Sparziergang meine ich, ich muß mich begeben auf dieses unerklärliche Zusammentreffen, auf die Sternsuche, auf das, was mir zu verzeihen ist und was an mir der lieben möchte, der mich umarmt, eine kleine Forschungsreise, ich könnte jetzt lange Übertreibungen aussprechen, ich bin fast von mir entzückt. Immer wieder kippt das, welches geworden ist, wie es scheint, um, und zuletzt begibt man sich auf das, was immer umkippt. Das ist offenbar eine heitere Haltlosigkeit, ich sollte sie verschweigen. Ich wünsche alles Gute, auch Ihnen, Herr Berlin.
Kurzes Gespräch mit Frau Podgornik über Blattläuse; ich ging dann nach Hause, und es war Nacht. Gedanken daran, was Nacht ist; das schwarze Dorf, das schwarze Pferd, die schwarze Straße; der Tagessack mit der Tagessache darin ist zugeschnürt; einer hat die Sonne über die Mauer geworfen; einer hat das Buch zugeschlagen, man hat uns ins Nachtgestell zwischen die anderen Nächte geschoben; mich zu lesen, heißt es warten auf ein zufälliges Aufblättern. Die Beliebigkeit und die Verfügbarkeit der Sprache machten mich verdrießlich. Ich rief: Hier stimmt doch etwas nicht.
9. 8. Gespräch über das Verhalten in Mimmlers Abgrund; Podgornik: Die Hühner sind nicht theoretisch, sie stehen im Vordergrund, sie scheißen dorthin, wohin wir später treten, sie versammeln sich, gehen auseinander, springen, mit Begriffen ist da nichts zu machen. Ihr Problem, lieber Mimmler, ist mir gut verständlich, aber es neigt sich doch etwas zu weit zum Theoretischen und leider ist die Theorie ohne Evidenz. Vergleichen Sie, in Momenten der Besorgnis und Bedrängnis, vergleichen Sie in solchen Momenten die Theorie mit den Hühnern, dann ist die Welt für kurze Zeit klar. Mimmler: Die Hühner sind leider nicht Hühner. Podgornik: Das macht nichts, sie sind fedrige Gegenstände im reinen Vordergrund, sie steigen von einem Bein auf das andere, das reicht aus. Oder anders gesagt: Am Ende von dem, was in Ketten, in Vermittlungen, in Ableitungen, in Bögen, im Sinn zu uns gekommen ist und dabei dünn geworden ist und etwas zu luftig und eine Herausforderung an den Geist, ein Reiz zum Widerspruch, zu etwas geworden ist, das uns zum Lachen bringt, am Ende stehen die Hühner. Jetzt gehen sie. Jetzt stehen sie wieder. Tröstlich ist solches ja nicht, aber nach einem weiten Gang gelangt man, um Himmels willen, ich will nicht behaupten, man komme schließlich zurück, man gelangt oder man findet sich auf einmal wieder unter dem Kirschbaum, das hat nichts von einer Heimkehr an sich, sondern ist das, welches man losgelassen hat und losgelassen hat und losgelassen hat und es ist immer da, daß man es umso vorsichtiger loslasse, die Namen sind fort, und man sagt, ohne etwas zu meinen: Der Baum mit den roten Kirschen. Mimmler: Sie halten sich sozusagen an den Hühnern und den Zwiebeln und an der Leiter im Baum und an den Fliegen auf dem Fensterglas und an der Milch und der Katze und dem Emailtopf fest. Podgornik: Ja. Mimmler: Es gibt aber den Augenblick, da man den Emailtopf auf den Herd stellt und losläßt. Jetzt begibt man sich auf eben die Strecke, die zwischen allem liegt, das ist die Nacht zwischen den Dingen, in der vor vielen Jahren die Sprache zur Welt gekommen ist, man begibt sich also auf die Strecke, die auch Geburtsstunde zu nennen ist, was machen Sie jetzt, liebe Frau Podgornik? Die Sprache ist nämlich sozusagen, wenn Sie mir dieses sozusagen gestatten, ohne den Emailtopf entstanden, wenn man den Topf auf dem Herd gelassen hat, dann tut man etwas, ohne das Referenzobjekt in der Hand zu halten, kurzum, man tut etwas anderes, nämlich man geht von der Küche oder aus dem Klo oder vom Keller kommend oder aus dem Bett steigend direkt in den Abgrund. Podgornik: Jawohl, aber dort stehen bereits die Hühner, und ich sage: O, ihr lieben austauschbaren Referenzobjekte. Ich weiß wohl, von einer ontologischen Position der Hühner kann keine Rede sein, wenn ich spreche, dann belebe ich nur ein Oppositionssystem, ich beachte die unterschiedlichen Laute und reihe sie in der Weise, daß nicht alles in meiner Sequenz gleich klingt. Mehr tue ich in dieser Hinsicht nicht. Anlaß zur Sorge ist durchaus gegeben, nämlich Anlaß zur Sorge darüber, wo es mit uns sprachlich hin will, in welchen Reihen und Bindungen und Bändern und Harmonien atmen wir? An dieser Stelle ist es an der Zeit, aus der Sprache ein wenig hinauszutreten, und das heißt: Man geht zum Emailtopf ohne Rückkehrgedanken, darin ist inzwischen die Milch heißt geworden, ich gieße sie in eine Tasse und gebe Honig dazu, was man aus den Kühen gezogen hat, was man den Bienen gestohlen hat, das läßt sich über die Sinne fließen. Keine Ableitung daraus, kein Syllogismus, nichts ist gemeint, ein wenig unbestreitbar haben wir uns in diesem Augenblick gemacht, der Schrecken wird bald wieder auftreten und uns erschlagen, wir haben dagegen kein Mittel. Hier fragte ich: Kann man sagen: Die Sprache ist ein einziges Loslassen? Podgornik: Ja. Mimmler: Ja. Ich verabschiedete mich und beschäftigte mich zu Hause mit dem Schnittlauch im Garten, besser gesagt mit dem wuchernden Gras im Schnittlauch; es ist ein Vergnügen, mit einer Nagelschere im Schnittlauch zu arbeiten und den Gedanken an die Notwendigkeit der Referenz still aufzugeben oder zumindest aufzuschieben. Ich dachte plötzlich: Es geht uns nicht um die Referenz, es geht uns um die Liebe. Ich war dann fertig mit der Befreiung des Schnittlauchs, erntete achtzehn Halme, drei Meter abseits einen Salat, darauf beides mit Essig und Olivenöl versetzt. Nachmittags erschien Mimmler und sagte: Ich bitte Sie herzlich, meine Ansprache nicht mißzuverstehen. Letzten Endes geht es mir wie jedem Gutgesinnten um die Einsetzung in die Selbstbestimmung. Oder um die Einsetzung im Nullpunkt. Mehr ist heute nicht zu sagen, auf Wiedersehen.
10. 8. Ein Tag des Unglücks: Die Erscheinung der Toten, die Finsternis im Herz, die Beschleunigung der Flüchtigkeit, die vollständige Kollision und so fort; ich blieb unbewegt im Bett.
11. 8. Philosophischer Tag; ich dachte: Es ist gut, den Sinn fahren zu lassen, der Sinn ist das Enge, in das wir nie passen, lange ist uns Angst gemacht worden vor seinem Abschied, es sei besser, in den engen Sinn zu schlüpfen, als in eine komische weite Welt einen ungeschützten Blick zu tun. Vergleich mit dem Vortag: Dem ungeschützten Auge erscheinen die Toten. Anders gesagt: Wenn man auf die sprachliche Referenz verzichtet, dann kommen die Toten. Auf den Strecken dazwischen kommt ins Herz eine Finsternis. Erschrocken machte ich mich auf den Weg zu Mimmler. Herr Mimmler, ich muß Sie leider nach den Toten fragen, entschuldigen Sie bitte das dramatische Thema. Aber ich leite ab aus Ihrer Theorie der Zwischenräume oder Ihrer Theorie der Hühner, verzeihen Sie diesen maßlosen und unschuldigen Sprung, ich leite daraus ab, daß eine große Menge sehr nah gekommen ist, eine Menge, die mir eine Sorge macht, nämlich mich vorbereitet auf einen langen Schrecken, auf eine Hilflosigkeit, auf eine Wildnis, in die wir spät gehören, in die wir spät geschickt werden, es ist die größte Menge, wenn sie mit allen Mengen verglichen wird, kurzum, Sie locken die Dämonen hervor, Mimmler, unter dem Aspekt der Abwesenheit ist jedes Wort dämonisch, und ich frage Sie jetzt in der gewohnten Höflichkeit, wie soll man sprechen im Angesicht dieses Dämonischen, welche Sprache haben wir noch und was hält uns in der Weise zusammen, daß wir sozusagen immer noch Hühner sind? Mimmler: Offenbar hält uns das Schweigen zusammen. Hier schlug Mimmler einen kurzen Purzelbaum und verabschiedete sich. Podgornik: Immer rettet sich Mimmler, indem er das Schweigen behauptet. Dabei hat er heute Nacht so geschrien; er stand vor einer Wand seines Zimmers und brüllte den Zusammenhang an, mit Zusammenhang meine ich die zusammenhaltende Mauer zwischen uns und dem, was wohl die herzliche Verwilderung zu nennen ist. Ich denke, was uns zusammenhält, ist nicht ein Ursprungsbewußtsein, sondern das andere hält uns zusammen, oder besser: Es hält uns nicht zusammen, sondern verwandelt uns, was wir meinen, sind wir noch immer nicht. Dort will es mit uns hin. Darauf ich: Die Geschichte, Frau Podgornik, wie steht es in dieser Hinsicht mit der Geschichte? Wenn Sie mir hierauf eine freundliche Antwort geben, so will ich für den Rest des Tages zufrieden sein und mich der Reparatur der Kellerstiege zu Hause widmen. Podgornik: In der Geschichte springt man sich an die Hälse. Hielten wir beide uns an den Hälsen, trieben wir damit die Geschichte voran. Man muß Ordnung schaffen, auf dem Weg zur Ordnung ragen die Hälse vor; wenn alle sich würgen, ergibt das ein geordnetes historisches Bild. Die Guillotine, die ja für die Hälse eingerichtet worden ist, ist in diesem Sinn eine Vorrichtung zur Beschleunigung der Geschichte. Hier schlug auch Frau Podgornik einen unvollendeten Purzelbaum und sagte, sie wolle nicht weitersprechen. So zu sprechen, führe in die Verzweiflung, nämlich tiefer hinein als notwendig, man verliere angesichts der Geschichte den freien Blick, man verliere also das, worum man sich in einer einzigen dauernden Anstrengung anschicke, die Worte seien alle da, das Flüchtige falle in seinen Platz und heiße Jahrhundert und Plan und Weg und Reihe und oben und unten, eine grausige Mechanik, lieber denke sie jetzt an ein zärtliches Liebesspiel, zu dem es augenblicklich keine Gelegenheit gebe, irgendetwas ist in unserem Gespräch leider sehr schlecht geworden, natürlich keine Verstimmung, lieber Herr Berlin, es bleibt alles wie zuvor, keine Änderung an der Trauer, keine Änderung an der Heiterkeit, Sie werden schon verstehen, was ich meine. Abschied, Heimweg. Mit der Kellertreppe folgendes Problem: Ein Wackeln der Stufenbretter, die den in den Keller Hinuntersteigenden durch ihr kippendes Verhalten abwerfen, man steigt als Kellergeher schnell von der ersten wackelnden Stufe zur nächsten hinunter, die ebenfalls sogleich eine kippende Stellung bekommt, also rettet sich der Gehende zur nächsten Stufe, dort wieder der Abwurf undsofort. Das Gehen in den Keller ist vielmehr ein Stürzen in den Keller, bestenfalls ein abgestufter Taumel. Arbeit an der Treppe bis sechs Uhr abends. Die Ameise: Fünf Minuten vor sechs kroch sie aus einem Spalt, näherte sich meiner Hand und schleckte mit einer violetten Zunge über die Kuppe meines Zeigefingers. Abendessen: Käse und Wein, der Käse eine Geruchswildnis, im Mund ein zivilisatorisch gemäßigter Brei.
12. 8. Nichts. Was für ein Tag.
13. 8. Mimmler schlug vor, ein Manifest des Nullpunkts zu formulieren. Podgornik: Es gibt keinen Nullpunkt, nämlich keinen widerspruchsfreien Augenblick, alles ist aufgeladen mit seinen Gegenteilen, der schweigende Ton ist laut in den Räubern der Selbstbestimmung, jede Äußerung, jeder Gedanke, jede Geste ist ein Vergessen. Erkenntnis ist eine Form des Vergessens, jeder Satz beruht auf tausend verweigerten Nebensätzen und Gegensätzen; es sind nicht wir, die sprechen. Dazu ich: Liebe Gäste, ich muß Ihnen leider mitteilen, daß Ihre schönen Gespräche mir wieder die Seele zerreißen, der Bericht über das Wiederauftreten der Hühner ist ja sehr höflich, aber ich werde den Gedanken nicht los, daß der totale Vordergrund und der totale Fall, den Sie behaupten, Frau Podgornik, etwas Mystisches ist, aber der Nullpunkt und der totale Fall sind gleichermaßen Welten der Mystik, und darin wird meine Seele in die Nacht geführt. Sie sind ja beide Heilige, liebe Gäste, ich bin nicht heilig, ich bin nur der heilige Mimmler und die heilige Podgornik ohne Heiligkeit, so muß es jetzt wohl heißen.
Nachmittags: Die Stille des Himmels, die Neigung der Dächer, der gestreifte Körper der Wespe, das Läuten des Telephons, die Veränderung des Sonnenlichts, die Form des Tisches, die Höhe des Zauns, die Oberfläche der Mauer, die Stellung des Fensterflügels, das Ende des Mittelalters und der Anbruch der Neuzeit, die Dämonie des Subjekts, das Gewicht des Käfers, der Geschmack der Himbeeren, das Entkorken der Flasche, der Lehmfußboden des Kellers, das Geräusch der Frösche. Weit draußen zogen Mimmler und Podgornik Purzelbäume schlagend vorbei.
14. 8. Vormittags Tischfußball gespielt (inkonsistentes Spiel, blitzhaftes Glück), zum Mittagessen Wiener Schnitzel, Flucht vor Podgornik und Mimmler in der Form eines langen Spaziergangs durch die slowenischen Dörfer. Die mir fremde Sprache hatte wie immer einen tröstlichen Klang. Ich denke, sie bedeutet mir Differenz, sie zeigt auf die Welt mit einer anderen Haltung, für den Anderssprechenden bleibt ihre Leistung verspielt und schön. Es ist schön, jemanden zu hören, der fremd spricht, Erlösung aus der Selbstbefangenheit. Ich erfreute mich an jedem zweisprachigen Ortsschild, man denkt: Hier hat etwas zwei Seiten bekommen. Einmal heißt das Dorf Tainach, einmal Tinje, einmal Neuhaus, einmal Suha, einmal Eisenkappel, einmal Zelezna kapla, einmal Eberndorf, einmal Dobria ves, einmal Griffen, einmal Grepinj, einmal Sankt Veit, einmal Sent Vid; das befördert den Mut. Leider gestattet ein Gesetz nur wenigen Dörfern diese sprachliche Schönheit. Vitus, der sizilianische Nothelfer gegen die Erkrankung der Streifenhügel im Gehirn, muß deutsch ausgesprochen und auf die Ortstafel geschrieben werden. Eberndorf heißt Eberndorf, so klingt die Ordnung und die politische Wirklichkeit. Ich dachte: Man lasse die Welt sprachlich in Ruhe, alles scheint sich einzeln zu bewegen, jede Behauptung zerstört die ungreifbare Entwicklung, hinter einer sanften Heiterkeit ist etwas verborgen, es gibt eine glückliche Sprache und so fort. Zum Abendessen: Neun in Butter und Zucker gebratene Karotten, zuletzt mit Petersilie gewürzt. Einen monströsen Geschirrturm der letzten Tage abgewaschen.
15. 8. Die Angst, daß etwas zu Ende geht: Was man zusammengehalten hat, tut eine Wanderung, das viele tut eine Wanderung quer durch uns, alles kreuzt die Seele, geht hindurch, man liegt so, daß die Strecken über uns hinwegführen, die Schuhe kommen über uns in großen Schritten, dabei sind wir doch nur erklärbar in Augenblicken des Händeberührens. Ich richtete einen Besuch bei Frau Podgornik und Herrn Mimmler ein. Balkone. Äpfel. Kartoffelsäcke. Ich kündige Ihnen meine Abreise an, liebe Mimmler und Podgornik, und will vor dieser Veränderung mich interessieren für Ihre Besserung, Herr Mimmler. Ihre Theorie des Abgrunds liegt einige Zeit zurück, wie geht es Ihnen jetzt? Sehr geehrter Herr Berlin, die Ängste kommen, wenn ich mich zu zentrieren versuche. Man muß, wenn man sich der Normalität gewachsen zeigen möchte, seinen Sinn und sein Ich zu einem heftigen Liebesakt vereinigen, ein Sprühen im Subjekt, die Zentralhierarchie macht eine gerade Linie, erhobene Schultern, der weite Brustkorb, die verfügbare Sprache, imperial, ist nach wie vor feudal definiert, ein 19. Jahrhundert, der realistische Abgrund des 19. Jahrhunderts ist in das Ich noch nicht gekommen, ich werde wahnsinnig an dem Fürsten in mir. Hier draußen in Waldbach, o, mir geht es gut, Herr Berlin, ich danke Ihnen für Ihr gutes Interesse. Wissen Sie, mir geht ja nicht das Ich verloren, welches allgemein so nachdrücklich gefordert wird, so, daß man damit das Normale, Berechenbare, Wiederholbare, Identische beweise und wieder beweise und wieder beweise, es geht nur das nicht-Ich verloren, nämlich das Flüchtige fliegt etwas zu weit fort und zurück bleibt eine beträchtliche und instabile Nachdenklichkeit. Was mit nicht-Ich gemeint ist, dürfte klar sein, ich stehe damit in einer subversiven Tradition und will gerne darüber schweigen. Wenn man heute einen Bildungsroman schriebe, man müßte alle Stationen umkehren: So laßt mich werden, bis ich scheiden. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise. Abschied von Frau Podgornik. Koffer gepackt. Busfahrt zum Bahnhof. Weitdurchbrechende Eisenbahngeschwindigkeit, volle Gepäcknetze, das Format der Fahrkarte undsofort, es trug mich wieder in wechselnden Bestimmungen fort, bald hieß alles Innenstadt und Bezirk und Gasse und Stockwerk. Ich warte am Fenster auf das blaue Licht der Nacht, Ende eines Mythos, Beginn des nächsten Mythos, jeder Schritt wird mir gedreht zur langsamen steinernen Heimkehr, ich habe Besseres vor als Stein, ich habe Besseres vor als Stein. Tomaten, Rotwein, Streichhölzer. Nacht. Nacht. Nacht.


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