Matthias Friedrich, der Übersetzer von Eine Australienreise gibt bei lyrikkritik.de Auskunft zu seiner Entdeckungsreise auf den Spuren von Svein Jarvoll. Eine Passage daraus:

Die Australienreise hat mit einer realistischen Erzählung, wie sie spätestens seit der Literatur des 19. Jahrhunderts üblich ist, nichts zu tun; sie ist nämlich eine Systemdichtung und entwirft ein Weltbild, dessen Anregungen in antiken und mittelalterlichen Texten zu finden sind. In den Melbourne-Vorlesungen, die sich nicht als Autofiktion à la Knausgård, sondern als literaturtheoretische Bekenntnisschrift verstehen lassen, schildert Jarvoll, wie er "im contra-Ockham-Geist" ein "weitläufiges Permutationssystem" entwirft, dessen hervorstechendes Merkmal die "Verknüpfung disparater Elemente" ist. Konkret ist hiermit vor allem die Buchstabenkombination M/S gemeint, also die Initialen des Ich-Erzählers, die auch noch in vielen anderen Akronymen auftauchen: "Merkur Sendebote", "Morte Sicura" etc. (in einem Interview mit der Zeitschrift Vinduet erwähnt Jarvoll, dass es ungefähr 300 dieser Verbindungen im Roman gibt; ich habe nicht nachgezählt). Statisch oder schematisch ist an dieser Vorgehensweise jedoch nichts, denn Jarvoll setzt voraus, dass es innerhalb dieses Systems Veränderungen und Entwicklungen geben kann. Im 12. Essay der Melbourne-Vorlesungen findet sich folgende Beschreibung hierzu; alle Seitenzahlen beziehen sich auf die Seitenzahlen der Australienreise-Originalausgabe von 1988: Das System "ließ beispielsweise eine Katze stufenweise Veränderungen drastischer Art durchlaufen, von der heraldischen Katze auf S. 16, der Miezekatze auf S. 16 (der gleichen Katze), dem Löwen auf S. 17, der In-der-Tiefe-der-Treppenschlucht-Katze auf S. 39, welche auf der gleichen Seite zur mittelmeerumspannenden Katze wird, bis zu ihrer Abwesenheit in den kanonischen Schriften auf S. 216, ihrer apokryphen Anwesenheit im Buch Baruch auf der gleichen Seite, und ihrer unmittelbaren, erneuten Anwesenheit qua alphabetischer Katze auf der gleichen Seite, bis zum Ausgangspunkt der Permutationsserie, der unmittelbarsten Anwesenheit von allen, einer weiblichen Katze namens Omega, für die er in Australien die Verantwortung übernahm, mit M-förmigem Ohrenpaar und noch dazu mit M-Blesse auf der Stirn, abgebildet auf dem Staubbinder, dem Schoße des Permutators, auf der Veranda des Hauses, in dem sie beide wohnten, in Queensland, zur Linken eines Fensters, das sich, auf die andere Seite gedreht, auch als ein M erwies." Der Roman selbst bietet also einen Horizont, in dem sich Bezüge miteinander verknüpfen lassen; er ist eine offene Experimentierfläche, die einem ganz konkreten Thema Raum gibt, nämlich der auf den ersten Blick vielleicht absurd erscheinenden Frage, wie sich im Diesseits eine Jenseitsreise durchführen lässt, wenn der religiöse Bezugspunkt fehlt.

Und eine weitere zu "unbekannten Wörtern":

Jarvoll ist ein sehr höflicher Mann, der geduldig die manchmal seltsamen Fragen seines Übersetzers beantwortet hat. So schickte ich ihm im Frühjahr 2016 die Liste mit unbekannten Ausdrücken, die sich auf mehrere Seiten belief; außerdem stellte ich ihm gezielte Fragen dazu. Mit den Antworten zog es sich vielleicht auch deshalb ein wenig hin, weil Jarvoll für seine Recherchen die Bibliothek aufsuchen musste; schließlich waren seit der Veröffentlichung des Romans schon fast dreißig Jahre vergangen. Das Warten lohnte sich allerdings. In der Rückschau kommt es mir so vor, als könnten auch diese vielen seltenen Worte alleine eine Einführung in dieses vertrackte Buch leisten: Denn oftmals unternehmen sie eine Reise durch die Zeit. Sicherlich ist es etwas abgeschmackt, an dieser Stelle die berühmte Madeleine-Passage aus Prousts À la recherche du temps perdu zu bemühen, aber sie passt. Das einzelne Wort kann das Publikum der Australienreise oder mich, den Übersetzer, in eine ähnliche mémoire involontaire versetzen wie das trockene, lindenblütenteegetunkte Gebäck den Erzähler Marcel. Nur, dass die Erinnerung dann nicht in die Geschichte einer untergehenden, dekadenten Pariser Aristokratie führt, sondern geradewegs zwischen die staubigen Regale der Deichmannsken Bibliothek in Oslo, zu den "frenetischen Etymologisierungsversuchen" der Lexikographen, wie es an einer Stelle des Romans heißt, oder in literarische Texte, die wenig bis gar nicht oder, wie das bei Jarvoll häufig vorkommt, gegen den Strich gelesen werden. Zurück zu den Listen mit den unbekannten Wörtern: Einige davon führen in überraschende Welten, wie der Ausdruck "Almains Kamm", der am Ende des dritten Kapitels steht; mit einem ebensolchen ordnet sich ein Zugreisender nämlich das Haar. Wie soll das vonstattengehen? Ist das eine Marke, die mir als modisch notorisch Unbelecktem natürlicherweise entgangen ist? Mitnichten; Jarvoll schrieb mir, der Ausdruck bedeute, dass sich jemand mit den Händen die Haare kämme, was, wenn man es ins Französische übersetzt, sofort und erhellend zu François Rabelais' Gargantua führt, über den es heißt: "après se peignoyt du peigne de Almain, c'estoit des quatre doigtz & le poulce". In Gottlob Regis' Übersetzung von 1911 heißt diese Stelle: "Darauf strält' er sich mit dem Schwäbischen Sträl, das sind die vier Finger und der Daumen." Der "Sträl" wird in diversen Dialekt-Wörterbüchern (dem lothringischen, dem Schweizer Idiotikon) unter anderem als "Kamm" definiert. Es wäre zu verlockend gewesen, diesen seltenen Ausdruck direkt von Regis zu übernehmen (eine Lösung, die Jarvoll sicher gefallen hätte), ich allerdings blieb bei dem französischen Text und dessen Anspielung auf den Theologen Jacques Almain, der u. a. scholastische Werke verfasste; "Almain" kann aber auch eine Verballhornung des italienischen "al mano" sein, also "mit der Hand". So führt eine einzige Unklarheit zu Dingen, die vorher vielleicht abwegig erschienen, etwa zum Dialekt, zur Kirchengeschichte oder zur Satire à la Rabelais. Soweit ich mich erinnere, schrieb mir Jarvoll später, dass er Gargantua etc. während seines Aufenthaltes in Australien gelesen hatte; dies ist eine mögliche Erklärung dafür, wie er auf diesen etwas absonderlichen Ausdruck gestoßen sein könnte.




Ich wünsche allen ein gesundes und ein glückliches neues Jahr!

Für mich geht es gleich gut los mit einer Besprechung von Svein Jarvoll, Eine Australienreise durch Guido Graf im Büchermarkt des Deutschlandfunk vom 3. Januar 2019:

"Lesend mäandern wir durch das Labyrinth eines nur scheinbar schmalen Romans, der es leicht mit den Monstrositäten der klassischen Moderne aufnehmen kann: eine Reise durch Sätze mit den unerwartetsten Wendungen, bei der man ständig das Gefühl hat, gar nicht von der Stelle gekommen zu sein, sondern an einer unmerklichen Parallelverschiebung teilzuhaben. Es ist nicht leicht, dieses Labyrinth Svein Jarvolls wieder zu verlassen."

Und weiter führt Guido Graf in die Besonderheiten des "Verstecks" ein (dessen Bücher man übrigens auch abonnieren kann, wenden Sie sich einfach vertraulich an mich):

"Präsentation, Format und vor allem die Inhalte gehen im Versteck im Verlag von Urs Engeler eine beeindruckende Synthese ein. Besucht man die Website "dasversteck.com", sieht man zunächst einmal nur schwarz. Und zwei ebenso große wie rätselhaft bleibende weiße Zahlen: 107 und 774. Das Schwarzweiß-Spiel setzt sich fort, klickt man auf die Zahlen, etwa auf die 107: Hier ist erneut erst einmal nur schwarz zu sehen. Man fängt an zu scrollen und das einzige, was man nach einer Weile zu sehen bekommt, sind ein Link zu einem Text des Übersetzers Matthias Friedrich, ein winziger Bestellbutton sowie Links zurück zur Homepage oder zum Engeler-Verlag. Mutige, die auf den Button klicken, gelangen zu einem Bestellformular für den Roman "Eine Australienreise" von Svein Jarvoll. Geht man im Browser zurück, sind die Stellen, auf die man zuvor geklickt hat, verschwunden. Es bleibt nur noch ein schwarzes Loch. Wenn man aber länger in dieses Loch hineinschaut und die Lichtverhältnisse beim Lesen mitspielen, entdeckt man, dass sich in der Schwärze die noch tiefere Schwärze eines Textes verbirgt, der erst sichtbar wird, wenn man etwas mit dem Cursor markiert. Auf diese Weise erst erfährt man etwas mehr über dieses "Versteck", das sich gut versteckt, und man erfährt mehr über das Buch des bislang im deutschsprachigen Raum vollkommen unbekannten Norwegers Svein Jarvoll."

Hier kann die Besprechung in Gänze nachgehört und -gelesen werden.

Und wenn wir schon am Geheimnisse verraten sind: das neue Jahr verspricht ein sehr reiches für die roughbooks zu werden. Genaueres verraten dann aber erst die kommenden Newsletter, und die Abonnenten erhalten diese Abenteuer in Poesie wie immer heimlich per Post zugestellt. Die roughbooks können weiterhin abonniert werden, sei es im Großen und Ganzen oder neu auch im etwas handlicheren Paket (die roughbooks 046 (das ist die bereits erschienene Verbuckelung der LUNCH-POMES durch Dagmara Kraus zu HUNCH-POEMS), 047, 048 und 049 für einmalige 50 Euro bzw. 60 Franken, incl. Versand): http://www.roughbooks.ch/abo.html.





Der das über eines meiner eigenen Lieblingsbücher sagt, ist Stephan Bader, Kulturredaktor beim Literarischen Monat anlässlich der "Lese-Highlights 2018: Die Lieblingsbücher der Redaktion im zu Ende gehenden Lesejahr".





Dagmara Kraus verbuckelt einen Klassiker im Format der roughbooks: aus Frank O'Haras LUNCH POEMS (San Francisco, City Lights Books, 1964) wird Aby Ohrkranf's HUNCH POEM (Schupfart, roughbook 046, Dezember 2018) - ein Gibbusgedicht in fünfundzwanzig Aufzügen, großenteils in 'Gibbirish' (sic) gehalten, einem anmakaronisierten Englisch mit pseudoirischem Klangstich.





Jonis Hartmann bespricht auf fixpoetry den Roman Eine Australienreise von Svein Jarvoll: "Die Frage nach den Mitteln und dem Zweck stellt sich hier nicht, zu groß ist der Raum, der aufgemacht wird. Vielleicht um einen alten Vergleich zu bemühen: vor dem Buchdruck war die gotische Kathedrale das maximal gesammelte komplexe Wissen im (übergroßen) Format - hier bei Jarvoll ist es etwas anderes, aber als Lesender fühlt es sich irgendwie vergleichbar an. Was an Spezialreferenzen und Scherzen, analogen Verlinkungen und Fälschungen da auf einen einprasselt, ist wie für Aliens verfasst. Und trotzdem ist es nicht unzugänglich. Vieles muss man akzeptieren, sich durchpirschen, oder springen oder sonstwelche Lesetaktiken aufwenden, um dranzubleiben, anderes wiederum, natürlich variierend von Zeile zu Zeile, hört sich an wie das Größte überhaupt. Saukomisch, clever und von tiefster Melancholie durchzogen. [...] Unser Ende ist Lesen. Man muss es vor sich haben, in genau der Gestalt. Wunderschön, rätselhaft, fordernd."

Und in seiner Besprechung der Mütze Heft 21 gleichfalls auf fixpoetry legt Jonis Hartmann nochmal nach.





Eines der Bilder, die Birgit Kempker für Robert Kelly in sein persönliches Exemplar von Catman ist betriebsbereit gezeichnet hat. Seitdem Birgit und Robert gemeinsam Scham/Shame geschrieben haben, spricht Birgit Cat. Weitere Zeichnungen zeigt sie täglich auf Instagramm. Auch Sie könnten ein persönlich für Sie von Birgit Kempker gezeichnetes Exemplar von Catman haben.





Ulf Stolterfoht setzt bei Kollegin Seel seine fachsprachen-Lieferungen fort, mittlerweile die fünfte, fachsprachen XXXVII-XLV. Die ersten vier Lieferungen, fachsprachen I-IX, fachsprachen X-XVIII, fachsprachen XIX-XXVII und fachsprachen XXVIII-XXXVI sind weiterhin lieferbar. Und, ZAWAMMM, jetzt lassen wir die Geburtstagsbombe platzen: von der dritten Lieferung, fachsprachen XIX-XXVII, gibt es noch ein paar Exemplare der einmaligen, limitierten, vom Autor nummerierten, signierten und mit Schlusswort versehenen Originalerstveröffentlichung! Wer da nicht kookt!





Matthias Friedrich schreibt zum Roman Eine Australienreise von Svein Jarvoll im Blog The Untranslated und hier auf Deutsch.