Birgit Kempker

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Ich hatte die Geschichte vergessen.


1

Die Mutter grub. Der Mund stand offen. Darin lag viel Dunkelheit. Davon wurde der Sohn nicht satt. Die Mutterliebe war auf den Mutterleib geschrieben. Das war nicht zu vergessen. Am liebsten hätte sie sich enthäutet.

2

Die Mutter grub und grub und als sie tief genug war, kriegte sie nicht genug vom Graben und grub und grub und stach mit dem Spaten ins Moor, ins Haus im Moor, ins Irrlicht, ins Funkeln, ins Fieber*1.

3

Die Zunge hatte die Mutter für die Liebe hingegeben und die Beine*2 und davon hatte sie den Sohn und als der nicht mehr neben ihr liegen wollte, riss sie dir die Zunge raus und pflanzte deine Beine in den Garten und weinte.

4

Nein nein, die Mutter hat den Sohn in den Garten gesetzt, um ihn da besser zu füttern. Fürchte dich nicht, mein Söhnchen, sagte die Mutter, ich fütter dich. In Wirklichkeit wollte die Mutter den Sohn arretieren, denn der war läufig geworden: er lief zu anderen Frauen. Ich nagel dich fest. Ich stech dich zum Baum. Ich pflanz dich in mir ein. Ich ramm dich vors Fenster mir in den liebenden Blick. Ich zurr dich und zerr dich mir in mein Alter als Altar. Ich schliess dich in mein Herz, da brennst du und fackelst, in meiner immerliebenden Ruh.

5

Und aus bist du: nein nein, das Söhnchen ward untreu und die Mutter pflanzte es in einen Topf. Als sie es aber, als es in immer grösseren Töpfen immer stattlicher heranwuchs, mit ihren Tränen goss, als sie es mit ihren Haaren und Fussnägeln düngte, als sie so manchen Zauber mit ihm tat, als sie es gegen seinen Willen genoss, da stöhnte das Söhnchen. Dann zieh aus, sagte die Mutter. Dann zieh mich raus, sagte das Söhnchen. Die Mutter zog das Söhnchen raus, doch nur ein Meterchen weg, hinters Haus, vors Fenster, wos garstig kalt war im Winter, winke winke, winkte die Mutter vom Fenster. Ade. Zieh weg, schrie das Söhnchen, da stellte sich das Mutterchen ganz eng ans Söhnchen ran und grub und grub und fiel herztot um beim Graben und es fiel darauf Schnee.

6

Das tut mir weh. Ich kann mich an keine Vaterliebe erinnern. Meine Mutter liebte mich, denn sie nährte mich. Sie pflanzte mich in den Garten und goss mich wies Schwein. Das war der Unterschied zwischen mir und einem Baum: dass ich ein Schwein war.

7

Da hieb die Mutter dem Sohn den Kopf ab, und weil das allerhand war, und weil das die Leute erschreckte, sagte sie zu den Leuten, der Sohn habe schlechten Umgang gehabt und sei deshalb Übergangsweise zu seiner Reife als Tannenbaum im Garten in ihrer Obhut zur mütterlichen Beobachtung vors Fenster und immerliebende Augenlicht zum Wachstum gründlich aufgehoben günstig untergebracht hingestellt.

8

Der Sohn will mit dem Löffel ins Gehirn der Mutter. Schaben. Er will es essen, damit es ihm auf Jünglingswanderschaft von innen her die Heimatscholle ist und nicht Vermissen. Die Mutter wollte den Sohn lieber vermissen als immer bei ihm sein. Der Sohn hatte Bärenhunger.

9

Ich zog die Hand aus der Hose, legte das Zeichen ins Buch, propfte die kleinen Tüten in die grossen Tüten, wickelte das grüne Vatergeliebtentuch, einstmals um die Geige der Geliebten des Vaters, nun um den Tochterkopf, um meinen, zurzeit um die Kindergeige des verlassenen Geliebten im Mutterschrank in der Schweiz, und ich schob zeitverschoben den Fressbauch in Essen-Werden runter in den Keller. Mit nackten Füssen auf dem Holzduschbrett schluckte ich Wasser aus dem Schlauch, stocherte im Hals, mit dem Schlauch? kotzte in den Eimer, mit Eisengeschmack, vom Blut? vom Zäpfchen? vom Stochern? von den Schneidezähnen? von der Schlauchdichtung? die Kotze spritzt und Galle in die Augen, dann die graue Kellertür mit dem rostigen Schlüssel aufschliessen, Über die Tannen das Innerste nach aussen, Tannenbäumchen begattend, schwappen, Tür abschliessen, Boden, Eimer und Füsse abspritzen, blau sein, die Finger die Füsse die Lippen, stinken, erschöpft sein, ins Bett. Ab das Tuch und Trinken. Weg.

10

Als ich die Hand aus der Hose zog und zum Kotzen in den Keller stieg, sass der Sohn*3 im Gefängnis und sah glücklich auf die weisse Wand. Auch das Glück war weiss. Das Land war weiss. Der Himmel war weiss. Die Hose war weiss. Das Fleisch war weiss*13. Die Tiere waren alle weiss. Hände waren weiss. Der Sohn hat es getan. Der Sand war weiss. Das Blut war weiss. Der Sohn ist sehr entfernt von sich und schiesst auf das Glück zu. Gleissend steht das Glück da und wartet auf den Sohn. Der Sohn hat Blut vergossen. Er weint nicht. Er ist glücklich. Er ist in einer weissen glücklichen Kälte, die heiss ist. Das Gefängnis liegt neben dem Meer. Es ist schön, neben dem Meer gefangen zu sitzen und dabei weiss und von was Gleissendem umschlossen, verschluckt und ins Hellste aufgelöst und atomisiert und davon die Mutter*4 zu sein, das ist schön.

11

Was heisst das? Das heisst, das hier hat Strecken*5 hinter sich, und Nebenstrecken*6, und dabei zugesetzt und wieder abgesetzt, wie das Leben. Es endet bei einem frühen, nicht wenig schamlosen Textstarttext*7 und hat sich dann durch den Landungstext und durch den frühen, im Landungstext erinnerten früheren, nicht wenig schamlosen Textstarttext hindurchgebuddelt ans Licht, mit dem Spaten durch die Erde, wie grabein gleich schreiben, gleich schlafen? durch Zwischentexte und Ablagerungen: Lebt noch Empfindung*8, durch Maulwürfe*9, durch Moor*10, durch Irrlichter ans Licht*11. Licht? Links ein l, rechts ein t, in der Mitte: ich. Und es ist ein solches Licht erwünscht, das trügt; das ist schön: Trug, damit das Graben weiter graben kann, deshalb*12 wird der Text zum Schluss wieder geblendet (nachdem im auf der Strecke gebliebenen Text*5 schon der Maulwurf sein Blut lassen musste und mit Spatenstich durch den Hals abgestochen wurde, wie Hals gleich Angst gleich schreibein: schlaf nicht ein.)


Anmerkungen 1. Ordnung:

*0 Vergessener dtv-Text, vermutlich lila*00
*1 Fieber, Typoskript, Eigenverweis
*2 Hans Christian Anderson: Die kleine Meerjungfrau
*3 Albert Camus, Ausschnitt aus: Der glückliche Tod?, der glückliche Tag?
*4 Albert Camus, Schwestermutterstory: Die grosse Schwester legt sich neben die kleine Schwester als Mutter ins Bett und liest diesen Camus, der die Mutter mit der Schwester das Söhnchen schlachten lässt, dann schleifen sie das allzublutsverwandte Fleisch bis auf die Mitte der Brücke, dann ab in den Fluss, was die kleine Schwester ziemlich in den Wahnsinn trieb, die grosse Schwester meinte es nichts wie lieb, ausserdem, sagte sie dann immer zur weinenden Schwester, wusste die Schwester nicht, dass es ihr Bruder war, was, weil sie das immer wieder sagte, auf Wiederholung schliessen lässt und den Fall.
*5 Fassungen von 0*0
*6 Birgit Kempker: Daran knabber ich noch heute, in: Entwürfe, Mai 1996
*7 Birgit Kempker: Der Paralleltäter, Seite 24
*8 Lebt noch Empfindung, Typoskript, Eigenverweis, Teile davon in: Perspektive, Heft 29
*9 Albert Camus, siehe *4
*10 Fieber, Typoskript, Eigenverweis
*11 Günter Eich, Phantomschmerzen, Bein schmerzt im Schrank, in: Maulwürfe?*01
*12 Roter Eimer in Birgit Kempker, Dein Fleisch ist mein Wort, ehemals unter Arbeitstitel: Eima der Grosse, mit Querverweis zum Tandori-Eimer in Dezsö Tandori, Startlampe ohne Bahn, Droschl Essay 21; der Tandori-Eimer, der sich, ich blätter, ich suche, ich lese S. 10/11: «... Um gut mich sich selbst zu reden ... um gut zu reden, muß man hinunter, so weit der Eimer reicht ...», der Tandori-Eimer, der nicht der Tandori-Eimer ist, sondern der William H. Gass-Eimer.

Anmerkungen 2. Ordnung:

*00 Olive! Buch gefunden: Renate Rasp, Ein ungeratener Sohn, sonderreihe dtv, Band 86, 1970. Renate Rasp noch nicht.*000. Erinnere jetzt die verschiedenen Grüns des Gartens, in dem ich, in der Hängematte im Pflaumenbaum, die Geschichte las: Tannen, Rasen, Moos, der Geruch der Hühner, die Sterne auf dem Pustenberg und den klammen Keller.
*01 Maulwürfe! «Ich habe Schmerzen, wo ich nicht bin...»

Anmerkung 3. Ordnung:

*000 14.2.1997, Meldung vom Wannsee: 1967 fotografierte Renate von Mangoldt Renate Rasp. Foto liegt vor, wenig später habe sie öffentlich die Brust entblösst, forsche weiter.